Ausstellung

Eine Prise Unwirkliches

„Demokratische Kamera“: Das Haus der Kunst widmet sich dem Kultfotografen William Eggleston

William Eggleston macht sich die Welt so bunt, wie sie ihm gefällt. Die blutrote Strickjacke des Kindes, das in der windigen Wiese am Straßenrand steht, leuchtet schreiend aus der düsteren Landschaft. Automatisch kommt Angst vor Einsamkeit und Bedrohung auf, obwohl der Amerikaner doch nur eine banale Szene fotografiert hat. Die Farben sind zu satt, um wirklich zu sein, und genau diese Verfremdung trifft mitten ins Herz.

Dass Eggleston dafür anfangs nicht geliebt wurde, mittlerweile aber zu den Kultfotografen gehört, ist Künstlerschicksal. Immerhin kann er aber seine Lorbeeren seit Jahrzehnten ernten. Seit er 1976 mit 37 Jahren die wohl meistgehasste Fotoschau im Museum of Modern Art New York hatte, ist seine paradoxe Kombination von Schnappschüssen und hochwertigen Farbabzügen berühmt. Jetzt sind die Ergebnisse der „Demokratischen Kamera“ von 1961 – 2008 im Münchner Haus der Kunst zu sehen und stellen ihre Zeitlosigkeit und ihren Vorbildcharakter für die Fotografie unter Beweis.

Wider die klassische Kunstfotografie

„Ich hatte diese Vorstellung von dem, was ich den demokratischen Blick nannte: Dass nichts wichtiger oder unwichtiger sei als etwas anderes.“ Getreu diesem Motto legte Eggleston als junger Mann los. Er konnte sich die völlige Freiheit leisten: Der Spross einer Familie mit Baumwollplantagen in Mississippi musste nie arbeiten und tat sich somit leicht, gegen Konventionen zu revolutionieren. Seinen Widerspruch gegen die klassische Kunstfotografie in Schwarz-Weiß formulierte er anfangs mit Ausflügen in eine scheinbar belanglose Umgebung: „Ich habe keine Vorlieben. Jedes Bild ist gleich, nur verschieden.“

Bald aber merkt man, dass er sich an die formalen Konzepte eines Henri Cartier-Bresson und an die Sachlichkeit eines Walker Evans hielt. Das makellose Südstaaten-Flair fängt er in klaren Kompositionen ein. Bis er Ende der Sechzigerjahre ein Mittel der Werbung für sich entdeckt: Das dye-transfer-Verfahren, von Kodak in den 40ern entwickelt, überträgt nacheinander das Motiv in drei Farbauszügen auf das Papier. Dadurch können Farben verändert oder intensiviert werden. Auf diese Weise erhalten Egglestons Bilder einen superrealen, edlen, psychologisierenden Effekt.

„Ich glaube, nichts kann so verführerisch sein wie ein dye- transfer-Abzug“, sagt Eggleston. Und er hat Recht. Ein Dreirad, ein Porträt in Untersicht, akzentuiert durch wenige übernatürliche Farben, versetzen der Realität einen magischen Schuss. Insbesondere bei den Aufnahmen in Elvis’ Graceland kommt die Prise glatte Unwirklichkeit und Werbeästhetik zum Tragen. US-Träume und harte Wirklichkeit liegen hautnah beieinander. Weite, Einsamkeit, Glamour auf den eigenwilligen Ausschnitten der Trostlosigkeit prägen seine Sicht seiner Heimat. Ergänzend dazu die Video-Experimente der 70er: eine verrücktes, benebeltes Stück Subkultur inmitten der schönen neuen Welt.

von Freia Oliv

Bis 17. Mai,


Mo. – So. 10–20 Uhr, Do. 10 – 22 Uhr, Tel. 089/ 211 27-113.

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