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Verschwunden: Max Beckmanns „Das Moos“ von 1934 zeigt den Moosberg, der heute nicht mehr existiert. Er wurde vollständig abgebaut.

Eine runde Sache: Schlossmuseum Murnau hat Dauerausstellung renoviert

Murnau - Das Murnauer Schlossmuseum ist eine runde Sach'. 1991/92 konzipiert von Brigitte Salmen, der Chefin des Hauses. Was gut ist, kann aber noch besser werden, hat sie sich gesagt und arbeitet energisch und kontinuierlich auf dieses Ziel hin.

Schlossmuseum Murnau

Schlosshof 4-5,

Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr, vom 1. bis 25. Dezember wochentags nur 13 bis 17 Uhr, 24./31. Dezember geschlossen;

Telefon 08841/ 46 62 01.

Der Ausbau einiger Nebengebäude des markanten Schloss-Wohnturms mit seinen Giebelzinnen macht es möglich, dass das Museum endlich mal richtig Luft holen kann. Es enthält nämlich außer Sonderausstellungen nicht nur Dauerausstellungen zu Gabriele Münter und dem Blauen Reiter. Es gibt außerdem Abteilungen, die die Murnauer Landschaft, also das einzigartige Moos, erklären, dann, wie Handel und Wandel einst in der Marktgemeinde funktionierten. Der Raum, der Ödön von Horváth gewidmet ist, erhielt heuer im Frühling schon seine Auffrischung inklusive neuer Erkenntnisse. Jetzt aber wurden die Säle der Malerei des 19. Jahrhunderts und des Blauen Reiter (2. Obergeschoss) wiedereröffnet. Die Präsentation der Hinterglasbilder wird in den ersten Stock ziehen, sobald die Verwaltung im Nebentrakt untergekommen ist.

Ganz verzichten muss man aber auch in der Zwischenzeit nicht auf jene Bildchen. Schließlich gehören sie unverzichtbar zu Geburtsort und -stunde des Blauen Reiter. Das signalisieren einige alte Beispiele, auch von dem Murnauer Original Heinrich Rambold, und Hinterglasbilder aus der Hand von August Macke und Franz Marc. Naturgemäß begrüßt das Murnauer Liebespaar Gabriele Münter und Wassily Kandinsky die Besucher. Salmen hat ihnen aber gleich hier am Eingang Werke von Max Beckmann und sogar den Brücke-Expressionisten Kirchner beigesellt. „Wir wollen beispielhaft zeigen, dass damals nicht nur ,unsere‘ Richtung existierte“, erläutert die Kuratorin. Besonders freut sie sich über ihren Auktions-Fang, ein frühes Gemälde von Marianne von Werefkin (1881). Aus dieser Arbeitsphase gibt es nur noch sehr wenige Bilder, sagt Salmen, „eine Rarität, eine Besonderheit“. Die Malerin wurde damals in ihrer Heimat „russischer Rembrandt“ genannt. Das brauntonige „Porträt Vera Repin“ lässt erkennen, warum - allerdings ohne Rembrandts vitales Feuer. Dieses Feuer entfachte die Werefkin als „Blaue Reiterin“: Das Farb-entfesselte Bildnis der alten Murnauerin Rosalia Leiß 1909 (sie saß auch der Münter) schreit das förmlich heraus. Diese Erweiterung ist so gelungen wie die um ein Stillleben von Adolf Erbslöh aus dem Blauen-Reiter-Umkreis.

Die „Beckmänner“ von 1916 bis 1934 erzählen von einem anderen Expressionismus, ergänzt um einige Textstellen von 1912 aus der Zeitschrift „Pan“ mit dem giftigen Hickhack um die richtige Kunstauffassung: Beckmann contra Marc/ Kandinsky. Diese Bilder ziehen zugleich die Verbindung zur NS-Zeit - Beckmann war verfemt - und damit gleichfalls zu Horváth und seiner literarischen „Analyse“ der aufkommenden Nazi-Ideologie. In Murnau erlebte er sie hautnah.

Wie geschickt Ausstellungsarchitekt Holger Wallat die Exponate in die oft nicht leicht zu bespielenden Schlosskemenaten integrierte, zeigt sich vor allem in den Räumen für die Malerei des 19. Jahrhunderts. Der Bestand konnte von zehn auf 30 Werke aufgestockt werden. Das Lachsrosé beziehungsweise die Ornamente der alten Wanddekoration wurden nicht durch massive Stellwände verdeckt. Sie sind vielmehr aus satiniertem Glas, vor dem die Gemälde zu schweben scheinen. Diese Landschaftsmalerei, die Alpen und Alpenvorland jener Zeit wiedererstehen lässt, „haben wir alleine“, freut sich Salmen. Will heißen: Weder das Museum Buchheim (Bernried) noch das Marc-Museum in Kochel können dergleichen bieten. Die Bilder, ob von Wilhelm Busch oder Carl Spitzweg, ob von Eduard Schleich d. Ä. oder Christian Morgenstern, inszenieren Landschaft nicht als Natur-Drama, sondern versuchen sich in realistischer Gelassenheit. Das weich modellierte Land hat genauso eine künstlerische Daseinsberechtigung wie die schroffen Felsmassive. Übrigens gibt es auch unter diesen Herren einen Bezug zum Blauen Reiter: und zwar in Charles Palmié, vertreten etwa durch ein impressionistisches Bild. Er war 1909 der Neuen Künstlervereinigung München beigetreten, zu der Kandinsky und Co. gehörten und von der sie sich als Blauer Reiter abspalteten.

Simone Dattenberger

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