Eine Sache der Ehre

- "Ich muss gestehen, dass die Ehre, die Sie mir zuteil werden lassen, vielleicht sogar größer ist, als Ihnen bewusst sein mag. Sie haben nichts Geringeres getan, als mein Ansehen zu retten: einfach dadurch, dass Sie mich als Friedensstifter bezeichneten. Sie haben im Angesicht derer, die einen Unruhestifter in mir sehen, meine höchsten Hoffnungen und Ziele gestärkt und bekräftigt. Sie haben mir, buchstäblich, das Leben gerettet." Das sagte Chinua Achebe, der diesjährige Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels in seiner gestern in der Frankfurter Paulskirche gehaltenen Dankesrede.

<P>Vor prominent besetztem Publikum sprach der nigerianische Schriftsteller über seine Motive für das Schreiben von Literatur: "Und es kam der Zeitpunkt, da über diese Wilden, denen ich in den europäischen ,Romanzen von Schriftstellern wie Ryder Haggard und Joseph Conrad begegnete, Rechenschaft abgelegt werden musste. Diese unmöglichen Figuren _ hässlich, kaum als Menschen erkennbar _ waren es Vertreter der Menschen in meinem Dorf, die Leute, die ich kannte? Die Antwort musste ein eindeutiges Nein sein! Deshalb beschloss ich, mich selbst im Schreiben zu versuchen, Figuren zu gestalten, die so waren wie die Menschen, die ich kannte.</P><P>Und ich wollte sie weder besser noch schlechter darstellen, als sie wirklich waren. Es schien mir einfach eine Sache der Gerechtigkeit, dass ich versuchte, ihnen in meinen Erzählungen eine Heimat zu geben." Börsenvereins-Vorsteher Dieter Schormann nannte den 71-jährigen Schriftsteller einen "großen Humanisten und Mittler zwischen den Kulturen". Und er beklagte das Desinteresse westlicher Industrienationen am Kontinent Afrika.</P><P>Die Laudatio auf den 53. Träger der renommierten Auszeichnung hielt der Präsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, Theodor Berchem. Er kritisierte die einseitige europäische Sichtweise bei der Darstellung Afrikas in Geschichte und Literaturgeschichte und bescheinigte Achebe, Afrika keineswegs zu verklären. Er spare die negativen Seiten der Dorfgemeinschaft nicht aus, sondern zeichne ein authentisches Bild der traditionellen afrikanischen Gesellschaft.</P><P>In seinem kunstvollen Umgang mit dem Englischen lasse er Eigenheiten seiner nigerianischen Muttersprache Ibo aufscheinen. Berchem bemängelte zudem, dass deutsche Schulbücher die Geschichte Afrikas erst mit der Ankunft der Europäer beginnen ließen. Wenn es zu einem wirklichen Dialog kommen solle, müsse man dies als erstes ändern.</P><P>Trotz aller Globalisierung wissen die Menschen in den westlichen Industrienationen nach Ansicht von Schormann über viele Kulturen der Welt fast nichts, Afrika sei für viele Menschen in Deutschland der "Kontinent der Krisen und Katastrophen, der Kriege, Kindersoldaten und Krankheiten, des Hungers und der Heimatlosigkeit". "Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind die Gräben zwischen den Zivilisationen tief", sagte der Börsenvereins-Vorsteher. Gerade das Buch könne die Gräben überbrücken.</P><P>Achebe hat seit den 50er-Jahren Romane, Erzählungen, Gedichtbände und Essays veröffentlicht, die in über 50 Sprachen übersetzt wurden. Seit den 70er-Jahren lehrt der politisch engagierte Autor in Nigeria und den USA, wo er heute als Professor für Literatur lebt. Seit einem Autounfall im Jahr 1990 ist er an den Rollstuhl gefesselt.</P>

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