Eine Art Schnappschuss

- Ivan Liska eröffnet seine Münchner Ballettwoche (Sonntag bis 29. März, Nationaltheater) mit einem "John-Neumeier-Porträt". Nach den "Porträts" des Neoklassikers Hans van Manen und des modernen Jiri Kyliá´n verbeugt sich Ex-Neumeier-Solist Liska nun vor seinem Mentor, Hamburgs Ballett-Zar seit 1973, der nur noch wie John Cranko das Staatsensemble mit neueren Erzählballetten zum Tanzen bringt. Neu im "J.N.-Bildnis": "Dämmern" (1972) zu Skrjabin, "In the Blue Garden" (1994) zu Ravel und "Jupiter-Sinfonie" (1991) zu Mozart. (Karten: 089/ 2185 19 03.)

<P>"Porträt", das ehrt. Aber befördert es nicht schon in museale Weihehallen?</P><P><BR>Neumeier: Wenn man bedenkt, dass Brad Pitt seine Autobiografie geschrieben hat, als er - was weiß ich? - 22 war, nur weil er irgendwelche Filme gemacht hat, die alle Menschen sehen, dann muss man es anders betrachten. Es ist einfach so, als ob Gauguin oder Rembrandt irgendwann ein Selbstporträt malen würden. Ich arbeite ja schon so lange. So ist es - eine Art Schnappschuss. </P><P><BR>Sie sind sehr stark von der Musik inspiriert.</P><P><BR>Neumeier: Als ich die Klaviermusik von Skrjabin entdeckt habe, war es wie eine Akupunkturnadel, die viele Dinge freigesetzt hat. Vom Musikalischen her ist es so wie ein Extrem-Chopin, aber verlangt beim Umsetzen in Bewegung etwas sehr Modernes. Für mich hat Skrjabin in seiner Skurrilität immer noch etwas Reines. Bei Ravel ist es die höchste Raffinesse. Ich höre es, wie ich eine surrealistische Malerei anschaue. </P><P>Oder wie ich einen obskuren Traum erlebe. Bei Mozart ist es die formelle Seite, mit verblüffender Virtuosität einfach so hingeworfen. Dadurch habe ich mich auch völlig anders angenähert. Habe aufgehört zu denken, aus meiner Erfahrung geschöpft, um der positiven Seite dieser Musik, ihrem Witz ein klares Pendant zu geben. Ohne raffiniert zu sein - eher wie man Volkstanz entwerfen würde.</P><P><BR>"Dämmern" - ist das ein Blick zurück?</P><P><BR>Neumeier: Ich denke, dass es kein nostalgischer Akt ist. Sondern das Verblüffende für mich ist, dass ich dieses Ballett heute genau so machen würde. Ich habe es genau so rekonstruiert, wie es war. Es ist ein Schlüssel zu meiner Bewegungssprache.</P><P><BR>In Ihrem Oeuvre von über 120 Balletten findet man "Romeo und Julia" von '74, noch traditionell erzählt. Dann gewendete Klassiker wie "Illusionen - Schwanensee" und große Arbeiten wie die Mahler-Sinfonien. Ab Mitte der 80er-Jahre haben Sie literarische Vorlagen aufgelöst in assoziative Situationen. Entspricht Ihnen diese "Situations-Technik", in "Winterreise" von 2001 besonders ausgeprägt, heute mehr?</P><P><BR>Neumeier: Man geht verschiedene Wege und lernt auch durch die Umwege. Es ist nicht so, als ob meine Arbeiten eine Entwicklung ergeben. Nach "Winterreise" habe ich letztes Jahr die "Möwe" gemacht, sicher nicht in der Erzählform des 19. Jahrhunderts, aber doch mit einer eher durchgehenden Handlung. Ich weiß nicht, wo ich hingehe. Vielleicht verläuft es bei mir zyklisch. </P><P><BR>"Jupiter-Sinfonie" als großes Ensemble-Finale . . .</P><P><BR>Neumeier: Man könnte nie den Effekt des letzten Satzes haben mit einer halbierten Compagnie. Es werden ja zurzeit überall in Europa, und sehr stark in Deutschland, Ensembles abgeschafft oder auf wenige Tänzer reduziert. Schon um gegen diese Sparpolitik anzugehen, wollte ich in einem "Porträt" von mir ein Stück, das betont große Gruppe braucht.</P><P><BR>Generalmusikdirektor Ingo Metzmacher wird nach 2005 die Hamburgische Staatsoper verlassen, zermürbt von den unklaren Subventions-Verhältnissen. Ist Ihr Ensemble gefährdet?</P><P><BR>Neumeier: Wir sind ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor für die Staatsoper. Außerdem sind wir nicht auf Gasttänzer angewiesen sind. Dadurch sind wir "preiswert". Wenn Sparmaßnahmen, dann wären sie nur durch gestrichene Planstellen möglich. Ich habe in der Aufsichtsratssitzung meine Meinung dazu gesagt: dass ich einen Abbau selbstverständlich nicht mitmachen kann. </P><P>Das Gespräch führte Malve Gradinger<BR></P>

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