Eine Seele wurde erschaffen

- "Das Mädchen ist mein! Ich einst ihr Gott, jetzt ihr Teufel!" Ferdinand von Walter verbeißt sich in Eifersucht und Rache, wie er sich vorher glühend an die Liebe zu Louise Millerin geklammert hat. Er, der privilegierte Sohn des höchsten Staatsbeamten, ist ein Revoluzzer. Weniger durch Einsicht als durch Gefühl. Die unüberwindlichen Standesschranken zwischen Bürgertum und Adel will er ignorieren. Will er? Lässt ihn der damals so junge wie kluge Friedrich Schiller in seinem bürgerlichen Trauerspiel "Kabale und Liebe" (Uraufführung 1784) nicht zu oft seine Leidenschaft, seine Treue zu der Tochter eines Musikanten beteuern? Bekennt er nicht selbst, dass ihn die prächtige Lady Milford enorm beeindruckt hat?

<P>Die Inszenierung macht Zwischentöne deutlich</P><P>Florian Boesch hat für das Bayerische Staatsschauspiel im Münchner Residenztheater Schillers Werk der Freiheit und der Liebe, Schillers Weisheit über das Herz der Frauen und der Männer so inszeniert, dass all diese Zwischentöne, all diese Ahnungen und Andeutungen sichtbar werden. Obwohl das Stück auf gute zwei Stunden gekürzt wurde, hat der Regisseur keinen wesentlichen Aspekt verloren gehen lassen. Liebe in Zeiten eines Terrorregimes. Liebe als männliche Besitzgier. Liebe als weibliche Größe. Die er einem 16-jährigen Mädchen und einer Mätresse zutraut. Und weil auch Boesch Schillers Kunst, seiner Sprache ganz und gar traut, die Schauspieler und sich selbst ihnen anvertraut, ist auch ihm ein Abend von großer Humanität gelungen: aufklärerisch, humorvoll, bescheiden und sicher in allen Theatermitteln.<BR><BR>Dabei verlangt die Inszenierung sehr viel von den Schauspielern. Schutzlos sind sie mit ihrem Spiel um Leben und Tod den Zuschauern ausgesetzt. In Stefan Hageneiers kluger Ausstattung stützen sie weder Raum noch Requisiten. Selbst die schwarzen und grauen Alltags-Kostüme setzen nur dezent Signale, welcher sozialen Schicht die Figur angehört. Alle, ob oben, ob unten, leben im schwarzen All der Bühnenhalle auf schwankendem Grund: auf einem fliegenden Teppich, der magentafarben und ornamentgeschmückt an Schlösserdekor denken lässt. Das höfische System, das Friedrich Schiller in "Kabale und Liebe" unglaublich scharf anprangert, wird optisch zitiert; was aber heute noch genauso gilt, ist die Bedrohung durch den Unrechtsstaat. Filz und moralischer Fäulnis (des Adels) stellt der Autor Klarheit, Ehrlichkeit und Zivilcourage (des Bürgers) entgegen.<BR><BR>Nicht leicht, in einem Raum der Unbehaustheit zu existieren. Und so überträgt sich schon ab dem ersten Auftritt, wenn Jörg Hube als Miller seine Frau (Eva Schuckardt) als Kupplerin ausschimpft, Beklemmung aufs Publikum. Die derben, lustspielhaften Szenen einer Ehe wollen nicht mehr zum Schmunzeln verführen. Nur wenn Strahlemann Ferdinand - immer als jünglingshafter Sieger von oben auftretend (Marc Oliver Schulze) - mit Louise (Anna Schudt) kinderselig auf dem Po den Teppich hinabrutscht, dann blitzt ein Glücksmoment auf (obwohl schon hier die später tödliche Limonade auftaucht), zeigt sich warm und fröhlich, wie das Leben auch sein könnte. Diese Bühne gibt die Schauspieler aber nicht nur preis, sie schafft außerdem wie die unauffällig eingreifende "Choreographie" Distanz. So können peinlicher Realismus und Gefühligkeit gar nicht erst aufkommen; das "Sentimentalische", das uns heute an den alten Texten irritiert, ist ebenfalls abgefangen. <BR><BR>Florian Boesch steht für seinen Schiller ein gutes Ensemble zur Verfügung. Den Bösewichtern Präsident von Walter und Sekretär Wurm verschaffen Rainer Bock und Stefan Hunstein allerhand Sympathiewerte. Ohne Schurken- und Schleimer-Klischee. Bock zeigt souverän den gewieften Politiker mit Leiche im Keller - na und. Hunstein bietet den alerten Aufsteiger, durchaus eine gute Partie für Louise. Und er macht deutlich, dass Wurm in seiner heftigen, schließlich gewalttätigen Liebe quasi ein Bruder Ferdinands ist.<BR><BR>Marc Oliver Schulze ist wohl bewusst zur inneren Reife von Anna Schudt als weicher Jüngling besetzt. Einen Kinds- und Hitzkopf spielt er, gutherzig, nicht sonderlich intelligent. Das Vielschichtige fehlt, das Abgründige - und vor allem das, was Louise so über alle Maßen an ihm fasziniert, dass er ihr Gott wird. Dieser Figur, der Schiller allerhand Gefühlseruptionen zumutet, hätte Boesch mehr Aufmerksamkeit schenken müssen. Auch Anna Riedl hat der Regisseur zu wenig unterstützt, um in die Rolle der großherzigen Lady zu finden. Jörg Hube gestaltet hingegen mit so viel Zurückhaltung wie Feingefühl den Miller. Sein Granteln rutscht nicht ins Burleske ab, und sein Flehen, dass sich Louise nicht umbringen möge, besitzt keinen falschen Ton. Hube ist der Mann der tiefsten Liebe und in einer Welt der Amoral gehalten von der göttlichen Ordnung: höchste Wahrhaftigkeit im Spiel. </P><P>Die beweist in bewunderungswürdigem Maß Anna Schudt. Ihre Louise ist eine verständige und unsagbar innig liebende Frau. Schiller lässt dieses Mädchen im Verlauf der sie zermalmenden Intrige zu einer Größe aufsteigen wie kaum eine andere Heldin. Das ganz und gar nicht Selbstverständliche spielt Schudt mit einer Selbstverständlichkeit, die hinreißend ist. Denn hier ist keine Virtuosin am Werk; stattdessen formt eine tief blickende Künstlerin, die nie das Spektakuläre braucht, eine Seele. Ein großer Schöpfungsakt.</P><P><BR> </P>

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