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Um das Spiel von Sein und Schein optisch zu verdeutlichen, arbeitet Regisseur Christopher Rüping in seiner Inszenierung von „Das Leben ein Traum“ mit Videoprojektionen auf der Bühne. Szene mit Xenia Tiling (Estrella), Oliver Möller (Basilius) und Max Wagner (Astolfo, v. li.).

Premiere: "Das Leben ein Traum" als Seifenoper

München - Christopher Rüping skelettierte am Münchner Volkstheater Calderóns „Das Leben ein Traum“. Lesen Sie hier die Premierenkritik!

Wenn er ganz ehrlich gewesen wäre, hätte er gesagt, er inszeniere nach Calderón. Denn Christopher Rüping hat das 1635 uraufgeführte Versdrama „Das Leben ein Traum“ des Spaniers skelettiert und inhaltlich weitgehend entkernt. Am Donnerstag feierte der etwas mehr als 90 Minuten lange Abend am Münchner Volkstheater seine Premiere.

Nun ist Werktreue, das Vom-Blatt-Inszenieren natürlich nicht per se ein Qualitätsmerkmal. Im Gegenteil. Vorzuwerfen ist Rüping allerdings, dass ihn dieser Stoff offenbar auf kaum mehr als eine Idee gebracht hat – was jedoch zu wenig ist, um eine Inszenierung zu tragen. Den Regisseur haben also weder Generationenkonflikt noch philosophischer Diskurs interessiert. Ganz zu schweigen vom tiefen Glauben an den Erlöser-Gott und an ein sittliches, tugendhaftes Leben, von dem der ehemalige Jesuitenschüler Pedro Calderón de la Barca (1600-1681) in seinem Stück auch und vor allem erzählt.

Rüping strich all dies und liest „Das Leben ein Traum“ als Fabel über die Diskrepanz von Sein und Schein – damit schlägt er den Bogen vom Barocktheater ins Heute, wo oft nichts anderes zu zählen scheint, als die Frage, wie wir auf andere wirken. Dieser Ansatz funktioniert vor allem am Anfang wunderbar. Oliver Möller liefert als Polens König Basilius eine so komische wie charmante Stand-up-Nummer, bei der er wahlweise vorgibt King Arthur, Ödipus, Dschingis Khan oder Kaiser Nero zu sein. Identität und Image müssen also nicht immer deckungsgleich sein – Möller führt das recht unterhaltsam vor.

Der Auftakt gelingt dem jungen Regisseur, Jahrgang 1985, ebenso wie die dann folgende Zusammenfassung der Liebesgeschichte zwischen Astolfo und Estrella, dem Neffen und der Nichte des Königs: Im Stil einer Seifenoper werden die Stationen dieser beiden Leben im Zeitraffer erzählt – vor der Kamera, deren Bilder überlebensgroß auf die graue Bühne projiziert werden, die Jonathan Mertz als raumhohe Rampe gebaut hat. Rüping beherrscht das Spiel mit Technik und Theatertricks.

Wie bei seiner Frankfurter Inszenierung „Der große Gatsby“, die heuer zum Festival „Radikal jung“ ans Volkstheater eingeladen wurde, lässt der Regisseur einen Teil der Geschichte von den an der Rampe stehenden Schauspielern dem Publikum erzählen. Doch was damals wunderbar charmant und zwanglos organisch den Roman von F. Scott Fitzgerald zu Theater werden ließ, ist hier (leider) allzu oft redundant.

Irgendwann muss Christopher Rüping selbst gespürt haben, dass es kaum ausreichen wird, Calderón auf die Frage nach dem Sein und Schein zu reduzieren. Er reagierte, indem er die Schrauben anzog, den Druck auf seine Inszenierung erhöhte: So wird sein Image-Diskurs wilder, schriller, abgedrehter, um den intellektuellen Leerlauf zu kaschieren – einigen Premierengästen wurde das offenbar zu viel.

Doch auch dabei gelingen unterhaltsame Augenblicke: Etwa als sich die sieben Schauspieler einen knackig-nackigen Kampf um Polens Thron liefern – in einem musikalischen Wettstreit, bei dem sie mit Pop und Rock gegeneinander ansingen.

Was das junge Ensemble an diesem Abend leistet, ist ohnehin erstaunlich. Neben den statischen Erzählmomenten an der Bühnenrampe, ist diese Inszenierung körperlich fordernd und mächtig anstrengend. Wenn sich doch nur der Regisseur so intensiv wie um die Form auch um den Inhalt Gedanken gemacht hätte – dann hätte dieser Abend nach Calderón richtig gut werden können.

Michael Schleicher 

Nächste Vorstellungen

am 1., 6. und 21. Dezember; Telefon 089/ 523 46 55.

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