Eine Spur von Geheimnis

- Mit Bruckner wurden die Abonnenten der Münchner Philharmoniker zu Zeiten Celibidaches reichlich verwöhnt. Mittlerweile, fast entwöhnt, lechzen sie förmlich wieder nach den üppigen Klangentladungen des Meisters aus Sankt Florian. Doch bevor der neue Philharmoniker-Chef, Christian Thielemann, im Herbst mit Bruckners Fünfter startet, wagte sich am Freitagabend im Gasteig Ingo Metzmacher als Gast am Pult an Bruckners Vierte, die "Romantische" in Es-Dur.

<P>Metzmacher ist kein Mystiker und doch beeindruckte seine auf analytischer Klarheit basierende Lesart, die dem gewaltigen Werden des Kopfsatzes eine unglaubliche Lebendigkeit einhauchte und dennoch eine Spur von Geheimnis ließ. Noch in der dicksten Instrumentierung, im brutalsten Fortissimo, blieb der Klang erstaunlich durchhörbar.</P><P>Natürlich schöpften die Philharmoniker aus ihrer intensiven Bruckner-Erfahrung, mobilisierten ihren Prachtklang, den der sympathisch uneitle Metzmacher in spannungsgeladenen riesigen Steigerungen nutzte, ohne darüber filigrane Verschränkungen von Horn und Holz (etwa im zweiten Satz) zu vernachlässigen. Im irdisch-deftigen Jagd-Scherzo mit seinen Echowirkungen entfaltete das sanft drehende Trio eine eigene Poesie. Und im Finale rivalisierten die von Metzmacher geradezu tänzerisch akzentuierte Leichtigkeit des Gesangsthemas mit den gewaltigen Aufgipfelungen in stimmigem Wechsel. </P><P>Das Publikum applaudierte heftig und hatte auch zuvor schon Leonidas Kavakos gefeiert. Er zog in Alban Bergs Violinkonzert "Dem Andenken eines Engels" mit schlankem, seidigem Ton und intensivem Ausdruck die Lebenslinien der jung gestorbenen Manon Gropius nach. Von Metzmacher klar instruiert, umhüllte das Orchester ihn dabei mit einem farbenreich changierenden zwölftönigen Klangmantel inklusive Volkslied- und Choraleinsprengseln.</P>

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