Eine Fee im Stress

- Stellen Sie sich vor, eine gute Fee kommt zu Ihnen und erfüllt Ihnen einen Wunsch. Allerdings ist sie ziemlich im Stress, die Entscheidung muss also schnell fallen. Und so abgeschmackte Dinge wie Unsterblichkeit, Gesundheit, nicht enden wollender Reichtum oder Liebe gibt es auch nicht im Angebot. Und überhaupt - teurer als eine hochwertige Waschmaschine sollte das Ganze nicht sein. Je preisgünstiger der Wunsch, umso besser. Was würde Ihnen einfallen?

<P>Jakob Arjouni, der seit seinen Kayankaya-Krimis als einer der talentiertesten jungen deutschen Erzähler gilt, hat sich mit seinem neuesten Buch "Idioten" an ein ungewohntes Genre gewagt: das moderne Märchen. Fünf Kurzgeschichten werden durch die Figur der überforderten Fee zusammengehalten, die jeweils einem Auserwählten einen Wunsch erfüllen möchte. Da ist zum Beispiel der Filmregisseur Paul, der vor lauter Angst, mit seinem nächsten Film zu scheitern, eine Drehbuch-Schreibblockade nach der anderen durchlebt. Er erklärt der Fee, er will endlich keine Angst und keine Zweifel an sich selber mehr haben. Eine Mutter, die alles besser weiß und ihr erwachsenes Kind damit zur Weißglut treibt, möchte, dass ihr Sohn "endlich erkennt, was er an ihr hat". Oder etwa der Vize-Chef einer Werbeagentur, der sich wünscht, alle "Idioten sollten endlich ihre Idiotie einsehen".</P><P>Die Folgen der Wünsche sind alles andere als erfreulich: Der Regisseur dreht nur noch Schund, weil er auf einmal an einer gnadenlosen Selbstüberschätzung leidet, der Sohn erkennt tatsächlich glasklar, was er schon immer an seiner egoistischen Mutter abstoßend fand, und der Werbe-Fritze muss plötzlich um seinen Job zittern. Am Ende steht für alle Figuren die Erkenntnis, dass das anfangs Wünschenswerte stets auch ungeahnte Nebenwirkungen hat und dadurch plötzlich der erfüllte Wunsch gar nicht mehr das beinhaltet, was man eigentlich erreichen wollte. </P><P>Jakob Arjouni gelingt es in seinen humorvollen, knapp und klar geschriebenen Episoden, den klassischen Erzählton des Märchens in seine sehr realitätsnahen Geschichten einzuarbeiten. Die Struktur orientiert sich stark an den bekannten Märchenvorbildern, was in einem reizvollen Kontrast steht zu den präzisen, lustigen oder melancholischen Alltagsbeschreibungen. Arjounis aktuelle Märchen sind eine gute Mischung aus kurzweiliger, flott geschriebener Unterhaltung und genauer Milieu- und Charakterstudie der Gesellschaft. Außerdem heilen seine Geschichten vom Traum, sich etwas wünschen zu wollen - außer vielleicht der qualitativ hervorragenden Waschmaschine mit zehn Programmen. </P><P>Jakob Arjouni: "Idioten. Fünf Märchen".<BR>Diogenes Verlag, Zürich. 153 Seiten, 14,90 Euro.<BR></P>

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