Eine Theaterglücksstunde

- Hat man "Cinderella", ob als Oper, Ballett oder Musical je mit so viel Frische, Charme und Witz gesehen? Da hat der scheidende Gärtnerplatztheater-Intendant Klaus Schultz noch einmal einen Trumpf aus dem Ärmel gezogen: Peter Maxwell Davies` Kinderoper ­ uraufgeführt 1980 vom schottischen Orkney-Schülerorchester ­, gespielt jetzt vom Münchner Pestalozzi-Gymnasium, ist eine Theater-Glücksstunde.

Das Au-pair-Mädchen Cinderella wird ganz schön herumgescheucht. Die aufgedonnerte Pelz-Madame Knurrig und ihre drei Töchter, Modefreaks zwischen Ringelstreifen und Schaftstiefeln, rufen nach Haifisch-Spray, Klunkern und Hyperperücken (einen Stil-Oscar für Ausstatterin Susanne Pische) ­ für den Ball natürlich, wo man sich den Prinzen angeln will.

Broadwayreif in Stimme, Hüftschwung und kesser Parodiegeste (einen Ideen-Oscar für Choreograph Alan Brooks) wie sich die Sisters ins Happyend träumen: "Ich fahr nach Teneriffa und trink Tee mit Claudia Schiffa". So heutig ­ und textverständlich! ­ die aus dem Englischen übertragenen Songs. Mit solchen Revue-Nummern und für den Ball sogar mit Walzer und Rock 'n' Roll ist Davies wunderbar auf die jugendliche Besetzung eingegangen. Für Cinderella, sehr fein von Katharina Schreiegg gestaltet, klingt es zart-lyrisch symphonisch aus dem Graben, wo Christoph Altstaedt die sechste bis neunte Klasse und die luftig klöppelnde Schlagwerk-Verstärkung aus der neunten bis zwölften Klasse einfühlsam dirigiert. Großes Lob auch für die musikalische Einstudierung der Lehrer.

Und was die Schüler bei einer solchen Aufführung alles lernen: Nina Kühner hat zum einen diese Geschichte sehr klar inszeniert und dennoch den ganzen Theaterapparat eingesetzt. Auf und ab fahrende Hubpodien lassen die Knurrigs verschwinden oder sind Rampe für die Katzenschar, die Cindy und ihrem Prinzen zur Begegnung auf lichtsternenübersäter Drehbühne verhilft.

Chor und Orchester, Solisten und Gruppe, Auf- und Abtritte, zarte Liebesgeste und schräges Ensemble-Menuett, alles funktioniert, bezaubert, erheitert ­ bis hin zu Corinna Goodmanns Herold. Als rotes Kugelmännchen ruft sie mit hellem tragendem Stimmchen fürs prinzliche Fest Pommes, Ketchup und Cola Light aus, und das junge Publikum fühlt sich hörbar angesprochen. Am Ende laden 16 winkende Katzenschwänzchen ein ­ zum unbedingten Wiedersehen!

Malve Gradinger

Nächste Vorstellungen: 10., 12., 15. Juli

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Michael Wollny: Pianist mit Hang zum Horror
Deutschlands Jazz-Hoffnung Michael Wollny improvisiert in München die Filmmusik zum Kinoklassiker „Nosferatu“. Die Faszination für das Unheimliche zieht sich durch …
Michael Wollny: Pianist mit Hang zum Horror
Ausstellung: Der Eisenbeißer im Lebendkicker
Das Jüdische Museum München setzt sich in „Never Walk Alone“ mit jüdischen Identitäten im Sport auseinander. Der Besucher findet sich dabei mitten in einem Lebendkicker …
Ausstellung: Der Eisenbeißer im Lebendkicker
„Idealzustand“: Pete Doherty in der Muffathalle
Ganz nüchtern wirkte er nicht, der Anarcho unter den Rockstars. Pete Doherty lieferte in der Münchner Muffathalle eine Show an der Grenze zum Exzess. 
„Idealzustand“: Pete Doherty in der Muffathalle
Bad Tölz feiert jetzt ein Jahr lang Thomas Mann
In Bad Tölz steht das „einzige echte Haus“ von Thomas Mann. Der Nobelpreisträger, der sehr gerne in der Kurstadt gelebt hat, wird jetzt ein Jahr lang gefeiert. Es gibt …
Bad Tölz feiert jetzt ein Jahr lang Thomas Mann

Kommentare