+
„Ich lasse mich von Musik schnell erregen“: Mariss Jansons dirigiert das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks.

Merkur-Interview zum Geburtstag

"Eine Art Trance": Mariss Jansons wird 70

München - Mariss Jansons, Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters, wird am Montag 70 Jahre alt – und erhält demnächst den höchsten Preis der Musikwelt. Zu seinem Geburtstag sprach er mit dem Münchner Merkur.

Am Anfang ist er noch etwas müde. Der Morgen nach dem Konzert, das ist für Dirigenten nicht ihre hochtourigste Zeit. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass in der Suite von Mariss Jansons in Münchens Bayerischem Hof Saunatemperaturen herrschen. Doch schnell steigert sich der Star ins Gespräch hinein, so jungenhaft und gewinnend, wie er abends am Pult zu erleben ist. Auf dem Tisch ein Teller Pralinen. Die rührt er nicht an, drängt aber die Köstlichkeiten dem Interviewer und dem Fotografen auf. Heute feiert Mariss Jansons seinen 70. Geburtstag. Und passend zum Jubeljahr wurde bekannt, dass er heuer mit dem Siemens-Musikpreis geehrt wird, der als „Nobelpreis der Musik“ gilt.

Vor fünf Jahren sagten Sie unserer Zeitung, dass Sie zum 65. Geburtstag drei Wünsche hätten. Gesundheit, künstlerische Erfüllung und mehr Oper dirigieren. Ist alles eingetreten?

(Denkt lange nach.) Ehrlich gesagt nein. Gesundheitlich geht es mir nicht schlecht, aber es ist nicht perfekt. Künstlerische Erfüllung: ja. Ich habe viele große, interessante Projekte genossen und wunderbare Orchester dirigiert. Ein echtes Nein beim dritten Wunsch: Ich würde gern viel mehr Oper dirigieren. Insgesamt müsste ich trotzdem zufrieden sein – auch wenn ich finde, dass man sich künstlerisch nie zufriedengeben darf.

Gibt es überhaupt Abende, an denen Sie sich nach dem Konzert denken: „Ja, das war super“?

Wissen Sie, in diesem Moment nach dem Konzert ist man so heiß, emotional so voll. Natürlich bin ich da irgendwie glücklich. Aber später, wenn ich mich beruhigt habe, dann spielt sich das Konzert in meinem Kopf immer wieder ab. Eine Endlosschleife. Und dann fange ich an nachzudenken: Hast du alles erreicht? Ist etwas schiefgelaufen? Deshalb ist auch das zweite Konzert einer Serie immer besser.

So wirkt Musik auf unseren Körper

So wirkt Musik auf unseren Körper

Viele Künstler sagen, dass man nachts, wenn die Aufführung zurückliegt, in ein schwarzes Loch fällt...

Stets stilsicher: Mariss Jansons (r.) im Gespräch mit Redakteur Markus Thiel im Hotel Bayerischer Hof.

Das ist immer so. Gerade diese Nacht konnte ich schlecht schlafen. In mir war auf einmal Beethovens Sechste. Sie ließ mich nicht los. Dann schlief ich ein, wachte auf, und die Symphonie ging an einer anderen Stelle weiter. Eine Art Trance. Eine totale Erschöpfung. Das ist ein Prozess. Wie Bergsteigen. Vor dem Konzert der Aufstieg, dann der Gipfel – aber man muss eben wieder runter. Und im Tal atmet man auf: Es ist vorbei. Jetzt denke ich schon ans nächste Konzert. Neue Gedanken, neue Sorgen, neue Nervosität. Das hilft auch beim Vergessen des Zurückliegenden. Ich weiß nicht, ob das positiv oder negativ ist.

Sie haben gerade die Beethoven-Symphonien eingespielt. Hören Sie Ihre Aufnahmen gerne an?

Nein. Eine Katastrophe. Aber man muss ja alles kontrollieren und sein Okay geben. Das ist mit das Schwierigste, das es für mich gibt. Und wenn die CD fertig ist, dann ist auch für mich alles vorbei. Vielleicht höre ich nach zehn Jahren nochmals hinein. Es ist ziemlich belastend, weil ich sofort fühle (zieht eine Grimasse): lauter Fehler! Außerdem verändere ich mich ständig. Ich will immer etwas Neues in den Werken entdecken. Da fühle ich bei den früheren Interpretationen etwas Unfertiges.

Sie besuchen häufig Proben von Kollegen. Neugier? Wissbegierde?

Ich will lernen. Ihre Körpersprache studieren, vergleichen, auch mit ihnen sprechen. So war ich schon immer.

Also hat sich das Dirigieren nie wie ein Handwerk automatisiert...

Nein. Ich weiß zwar, wohin ich bei den Werken will. Aber ich sammle ständig Ideen, Impulse, Inspiration. Manchmal bin ich froh, wenn ich bei der Probe eines Kollegen nur über einen einzigen Takt etwas Interessantes finde. Ich habe fast überall dirigiert, ein breites Repertoire – natürlich könnte man dann zuhause gemütlich im Sessel sitzen und sich darauf ausruhen. Ich nicht. Ich kann mich nicht beruhigen. Ganz ehrlich: Ich fühle mich ungeheuer unbequem, wenn ich an einem Tag keine Partitur geöffnet habe. Ich fühle mich sofort faul.

Woher kommt das?

Die Psyche. Das ist mein Lebensstil seit meiner Jugend. Als ich mit meinem Vater von Riga nach St. Petersburg übersiedelte, musste ich schnellstmöglich die Sprache lernen und mich in der fremden Umgebung zurechtfinden. Ich war total isoliert und gezwungen, sehr viel zu arbeiten. Ich bin das seitdem gewöhnt.

Wenn man Erfüllung darin findet, muss das ja nichts Schlechtes sein.

Genau. Es ist eben ein unabsichtliches Gefühl. Das ist genauso, wenn man sich sagt: Ich darf nicht mehr so viel essen. Und dann ist man abends eingeladen, gönnt sich einiges und denkt: Verdammt, was hast du gemacht?!

Na ja, aber die zwei Stunden Abendessen hat es wenigstens geschmeckt.

(Lacht.) Natürlich. Ich kann das schon genießen, wenn ich mal nichts mit Musik zu tun habe. Aber danach! (Bietet etwas von den Pralinen an, die auf dem Tisch bereit liegen.) Nehmen Sie bitte!

Das ist jetzt nicht fair. Anderes Thema: Christian Thielemann meint, er bewundere Dirigenten wie Bernard Haitink, weil ihre Körpersprache im Alter immer sparsamer, gelassener werden. Geht es Ihnen auch so? Machen Sie zu viel?

Ich glaube, das ist ein normaler Prozess. Junge Leute tun am Anfang viel zu viel und glauben, alles zeigen zu müssen. Ich lasse mich von Musik schnell erregen. Aber ich reagiere mittlerweile anders darauf. Das heißt ja nicht, dass ich nicht mehr temperamentvoll bin. Es ärgert mich zum Beispiel beim Dirigierunterricht, wenn ein Student zu passiv ist. Als ich in Wien bei Hans Swarowsky studiert habe, ging es viel um diese Frage. Man muss die Musik ausdrücken können, in ihr sein und dabei natürlich bleiben. Kein Theater! Ich verstehe Christian gut. Und ich kenne Bernard sehr gut. Er kann schon ziemlich spontan und temperamentvoll sein. Aber vergessen Sie nicht: Er ist über 80.

Letztlich ist es doch wie beim Lehrer in der Schule. Im ersten Moment, in dem er vor die Klasse tritt, entscheidet sich, wie er sich durchsetzen kann.

Richtig. Und dafür ist beim Dirigenten mehr als nur eine Armbewegung wichtig. Wie man Autorität ausstrahlt, das muss jeder für sich selbst finden. Dafür gibt es kein Rezept, da zählen nur Erfahrung und Analyse. Ich sage mir nur immer: Das Schrecklichste in der Musik ist, wenn ihr der Ausdruck fehlt. Das hat nichts mit Präzision zu tun. Wir wissen doch, dass Horowitz viele falsche Noten gespielt hat. Aber seine Interpretationen lebten.

Machen Sie sich bewusst, wie Sie auf der Bühne aussehen?

Leider nicht. Ich habe Angst, das zu sehen. Und wenn es um Pressefotos geht, kann ich nicht entscheiden, welches gut aussieht. Ich verstehe nichts davon und sage immer: „Fragen Sie meine Frau.“ Ich kokettiere jetzt nicht!

Sie waren stets in Chefpositionen. Wolfgang Sawallisch sagte einmal: Wenn er wieder auf die Welt käme, dann wollte er nur dirigieren – ohne die ganze administrative Arbeit. Brauchen Sie das Dasein als Chef?

Hm. Ich glaube ja. Es heißt doch: Du bist ein schlechter Soldat, wenn du nicht General werden willst. Ich liebe es, zu führen und in den gesamten organisatorischen Prozess eingebunden zu sein. Ich brauche die Zusammenarbeit mit allen. Als Gastdirigent kann man nicht viel bewirken. Das alles setzt Verantwortungsbewusstsein voraus. Wenn du Chef bist, musst du alles geben.

Heute Chefdirigent zu sein, hat wenig mit dem zu tun, wie das vor 30, 40 Jahren war, wenn man nur an die medialen Aufgaben denkt. Und es gab früher mehr Diktatoren unter den Kollegen.

Natürlich. Das Bewusstsein für Kompromisse und Diplomatie ist jetzt ausgeprägter. Die sehr große Verantwortung ist aber geblieben.

Sind Ihnen diese Chefpositionen alle „passiert“? Wie bewusst haben Sie Ihre Karriere gestaltet? General wollten Sie ja wohl auf alle Fälle werden...

Ich habe schon als Kind Orchesterprobe gespielt. Mit zwei Holzstücken als Instrument und einem Buch als Notenersatz. Da gibt es sogar noch Fotos. Und dann habe ich mich vor einen Tisch gestellt, ein anderes Hemd angezogen und war der Dirigent. Das kannte ich von meinem Vater. In meiner Fantasie hat sich schon damals festgesetzt: Mein Leben ist das eines Dirigenten. Ich habe mir damals sogar Konzertprogramme für Abonnenten ausgedacht und geschrieben. Ich war in dieser Welt und habe mit diesen Ideen gelebt.

Aber wollten Sie wirklich gern in dieser Welt sein? Oder hat das mit dem Einfluss des Vaters zu tun?

Es gab eben diese besondere Atmosphäre. Niemand hat mich zur Musik gezwungen. Gut, ein einziges Mal. Da war ich etwa zehn. Ich war sehr faul geworden. Und in unserer Gegend gab es einen Fußballtrainer der dort führenden Mannschaft. Er hat mir beim Fußballspielen zugeschaut und gesagt: „Du bist talentiert, komm’ in meine Sportschule.“ Er ging zu meinen Eltern. Und die sagten ihm: „Nein!“

Und warum sind Sie nicht Pianist oder Geiger geworden?

Ich dachte mir anfangs schon: „Warum spielst du nicht professionell Geige?“ Ich war sehr gut. Aber ich wurde faul, das war das Problem. Als wir nach St. Petersburg gezogen sind, habe ich mich sofort in der Musikschule mit Chordirigieren beschäftigt. Da war alles klar.

Moment: Das heißt, alle Dirigenten sind faule Solisten...?

(Lacht.) Nein, nein! Aber das Dirigieren war eben in mir drin. Und was habe ich jetzt für einen fantastischen Beruf!

Sind Sie froh, dass Sie Ihre Karriere nicht jetzt, in der aktuellen Klassikszene starten müssen?

Ich würde auf jeden Fall wieder Dirigent werden wollen. Aber nicht in dieser jetzigen Zeit. Als ich studiert habe, war das die goldene Zeit für Dirigentenschüler. Diese Lehre, diese Atmosphäre, dieses Niveau! Ich möchte schon nochmals diesen Weg gehen, aber mit den Voraussetzungen von damals.

Welche Fehler machen Sie denn noch?

Oh, schwierig zu sagen. Manchmal dreht es sich um technische Dinge, das falsche Tempo erwischen zum Beispiel. Manchmal denke ich mir auch, vielleicht war ich nicht herzlich genug. Oder ich habe einem Studenten den falschen Rat gegeben, war nicht aufmerksam genug. Oder ich habe zu viele Süßigkeiten gegessen! Ich denke bei solchen Dingen an etwas ganz anderes. Für mein inneres Leben ist die Religion sehr wichtig. Ich glaube, Kunst und Religion schützen den Menschen, damit er möglichst keine Fehler macht. Ich meine nicht so etwas wie: „Ich darf das nicht tun, sonst wird der liebe Gott böse.“ Das ist mir zu simpel. Kunst und Religion geben Signale. Bei Fragen wie: War ich ehrlich? Warum habe ich nicht die Wahrheit gesagt? Kunst bringt etwas Schönes für die Seele. Und das Gefühl für Schönheit kann den Menschen davor bewahren, etwas Schlechtes zu tun.

Wie alt fühlen Sie sich eigentlich?

Puh! Was heißt es, sich wie 70 zu fühlen? Ich fühle mich nicht alt, aber dummerweise auch nicht mehr jung genug. (Lacht lange.)

Und wie feiern Sie?

Ich bin nach vielen Jahren mal wieder zufällig in St. Petersburg und dirigiere nicht. Ich will keine große Party, nur eine Feier mit der Familie. Wissen Sie warum? Ich bin so nervös bei großen Festen. Du sitzt da und machst dir dauernd Gedanken um alles. Meine Frau hasst solche Anlässe. Aber ganz ehrlich und trotz allem: Ich liebe Geburtstage!

Das Interview führte Markus Thiel.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Kontrastprogramm zur Wiesn: Am Donnerstagabend hat Neil Diamond die Olympiahalle mit seiner Coolness beehrt. Eine Kritik.
Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Der Mut-Lacher
Mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelang Philippe de Chauveron ein Riesenerfolg. Nun setzt de Chauveron einen drauf: In „Hereinspaziert!“ übernimmt Christian …
Der Mut-Lacher
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab

Kommentare