Eine Trutzburg der Schönheit

- Die klassische Paardynamik: Da haben zwei Menschen über ihrem gemeinsamen Kind ihre Liebe zueinander und alle übrigen Gemeinsamkeiten verloren. Im Fall der beiden Stadtplaner Astel und seiner Frau Kiro ist der gemeinsame Sohn zwar längst ausgezogen. Aber ihr Baby, nach dem sie ihr Leben eigentlich ausgerichtet haben, ist die Utopiestadt Beaumonde: "60 000 Hektar eingezäunter Garten Eden.

Parkstadt. Gated Community. Beaumonde ein Ort des Lichts und der Stille, der Sicherheit und des Wohlergehens", textet Astel für die Werbebroschüre seiner Agentur Beaumonde. Eine Trutzburg der Schönheit in der "Welt der Entstellten" mit ihrem Schmutz, ihrer Armut und Brutalität.

Die wunderbare Villen-Welt des Paares jedoch ist vor lauter Utopismus lieblos und grabesstill geworden. So empfindet es jedenfalls die Haushälterin Celia, die sich als zaubertrickreicher Puck betätigt und das Paar zwar nicht chaotischen Mittsommernächten aussetzt, sondern erhellenden Albträumen und einem risikoreichen Experiment. "Ist eine Liebe nicht erneuerbar wie ein beschädigtes Gelenk?", fragt sich die pragmatische Fee.

"Nach der Liebe beginnt ihre Geschichte", lautet die Antwort von Botho Strauß und ist auch der Titel seines jüngsten Stücks. Regisseur Matthias Hartmann, von Bochum nun nach Zürich gekommen, hat diese grausame, gleichwohl verstörend hoffnungsvolle Beziehungsgeschichte als zweite Premiere seiner Intendanz am Schauspielhaus inszeniert. Den Premierenreigen hatte einen Tag vorher Barbara Frey mit Ibsens "John Gabriel Borkman" eröffnet.

Karl-Ernst Herrmann hat für die Strauß-Uraufführung im Zürcher Schiffbau eine lang gestreckte Versuchsplattform errichtet, an deren beiden Längsseiten das Publikum platziert wird. Requisiten und Instrumente des Gefühls-Laboratoriums werden auf die Bühne heraufgereicht, Glaswände zur zeitweiligen Separierung der Menschen auf die Plattform gezogen und Personen wie Gegenstände bei Bedarf mit Transportbändern an ihren Bestimmungsort befördert.

Die Angst der Laborratte beim Tierversuch

Obwohl diese Versuchseinrichtung vom Charme einer Waschstraße dem Forschungsgedanken des Stücks gerecht wird, trägt sie nicht sehr zum Erkenntnisgewinn des Publikums bei: Denn in diesem Stück, das sich eher liebevoll als zynisch den Zweierbeziehungen als Mikrozellen der Menschheit zuwendet, wird eben nicht nur hantiert und manipuliert. Es werden auch sehr viele wahre, irritierende, ewig gültige und doch nicht abgegriffene Worte gesprochen. Aber selten reichern sie sich zu berührenden Szenen an, meist verflüchtigen sie sich im regen Aktionismus auf der weiten Bühne. Und die klinisch gleichmäßige, aber dadurch nicht immer besser verständliche Mikroport-Akustik tut das Ihre, diesem zarten, feinen Stück seine intime Menschlichkeit fast auszutreiben.

Da verlieren Auseinandersetzungen ihre Schärfe, Lieblosigkeiten ihre Brutalität. Wenn das Paar etwa von Kiros Geburtstagsessen heimkehrt und die trennende Glasscheibe das einzig Glanzvolle zwischen den beiden zu sein scheint. Dann klagt Kiro den halben Mond und ihren "halben Mann" an, protestiert gegen ihren Rauswurf aus der Agentur durch eben diesen - wegen einer Neuen. Sichtbar sind davon die Gesten, aber kaum fühlbar die Verzweiflung, Ausweglosigkeit - die Angst der Laborratte beim Tierversuch.

Die Schauspieler aber halten mit aller Macht gegen diese Dämpfung. Robert Hunger-Bühler spielt einen in Gefühlsdingen rührend unbedarften Astel. Nichts, schon gar nicht ein Gefühlsausbruch seiner Frau, bringt ihn aus seiner fast schon boshaften Fassung. "Was ist Glashaus, was ist Welt? Was innen, was außen? Was Automat, und was Organ? Nicht mehr zu unterscheiden", stellte Botho Strauß 1989 in seiner Rede zur Büchner-Preis-Verleihung fest beim Versuch, unsere Gegenwart zu beschreiben.

Sein, Schein und Stein in der Kombiwelt

Und Astel, für den die Künstlichkeit seiner Beaumonde so selbstverständlich geworden  ist  wie die Künstlichkeit seiner Gefühle, fragt nun: "Was ist Glashaus? Was ist Welt? Wer wirft wo den ersten Stein? Kein Unterschied von Sein und Schein und Stein in dieser Kombiwelt." Diejenige, die die Steine abbekommt, ist Kiro. Corinna Kirchhoff spielt eine zähe Schmerzensfrau, brüllt und weint, kuschelt und kämpft. Es ist im Stück ihre undankbare Aufgabe, sich und Astel zu erlösen, denn während er von der Neuen in der Agentur und anderen Frauen angemacht wird und das staunend genießt, geht Kiro durch die Hölle.

Liebesgeschichte in ihre Einzelteile zerlegt

Begegnet angeblichen Ex-Geliebten ihres Mannes, sieht zu, wie der Sohn von einer Ex-Freundin verunstaltet wird, und tötet sie aus Rache, wird gefangen genommen und gedemütigt. "Erotonen-Beschuss", die Aufladung eines positiven Liebeskerns durch negative Teilchen, ist das Mittel von Haushälterin Celia, um das alte  Paar  wieder  füreinander zu interessieren. Karin Pfammater gibt den Machenschaften dieser irrlichternden Figur eine gewitzt-beschwingte Note. Unterdessen müht sich Kiro in einer ihrer Prüfungen, einen Haufen Schrott auseinander zu sortieren und Teil für Teil wieder richtig an das Dazugehörende zu fügen. "Nicht pressen. Nicht brechen.

Nicht biegen nicht schleifen nicht zwängen." Das scheint der Schlüssel zu sein zur Wiederherstellung der Liebe. Strauß hat eine Liebes- und Eifersuchtsgeschichte in ihre Einzelteile zerlegt. Und Regisseur Hartmann presst, bricht und biegt nicht. Er lässt alles so spielen, wie es auf dem Papier steht. Außer dass er Szenenanweisungen, nicht nur die absurdesten, sprechen lässt, was den Versuchscharakter noch unterstreicht. Das Zusammensetzen der Einzelteile aber überlässt auch er den Zuschauern. Und wie bei Kiro bleibt eine Skepsis zurück: "Gibt's eine Liebesgeschichte? Nur dann, wenn sie zuende ist?"

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