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Eine ungewöhnliche Seilschaft

München - Komponist Paul Hindemith und Bergfilmer Arnold Fanck arbeiteten 1921 zusammen - Fancks Enkel erinnert sich:

Es ist ein Gipfeltreffen zweier Pioniere der Zwanzigerjahre: Arnold Fanck (1889-1974), legendärer Bergfilmer, und Paul Hindemith (1895-1963), musikalischer Avantgardist. Ihre Seilschaft mag wundern, ist der frühe Bergfilm doch gern als grenzfaschistisch verschrien. In der Ausstellung „Hast Du meine Alpen gesehen?“ (bis 20. März) erkundet das Münchner Alpinmuseum, wie viele im „Dritten Reich“ Verfemte Musik zu Bergfilmen komponiert haben. Ein Höhepunkt ist zudem morgen die Münchner Erstaufführung der Orchesterfassung von Hindemiths Musik zum Fanck-Film „Im Kampf mit dem Berge“ (1921), gespielt vom Orchester Jakobsplatz. Wir sprachen mit Matthias Fanck, Enkel des Regisseurs und Experte für dessen Werk.

-Was macht diesen Film so besonders?

„Im Kampf mit dem Berge“ war Arnold Fancks erster Bergfilm - und überhaupt der erste Bergsteigerfilm mit einer gewissen Handlung, in dem es nicht nur dokumentarisch zugeht. Er hat diese ganz reduzierte Form: Ein Mann und eine Frau gehen auf den Berg. Es passiert eigentlich weiter nichts, als dass sie raufgehen, eine Nacht oben biwakieren und wieder runtergehen. Trotzdem ist der Film enorm spannend, aufregend und auch optisch interessant. Denn in den Gletscherspalten, Felsbrüchen und auf den Schneeflächen hatte noch nie jemand vorher gefilmt.

-Also eine filmische und bergsteigerische Pioniertat...

„Im Kampf mit dem Berge“ ist auch insofern ein Frühwerk, als das eine ganz einfache Produktion gewesen ist. Die waren zu viert! Zwei Schauspieler und zwei Kameraleute. (Lacht.) Wobei mein Großvater eine der Kameras bedient hat. Und sie haben mit enormen technischen Schwierigkeiten gekämpft, da sie ja mit der Kamera bis über 4000 Meter gegangen sind. Das hatte vor ihnen noch keiner probiert. Dann ist natürlich passiert, was man heute erwarten würde: Das Öl in den Kameras ist fest geworden, sie ließen sich nicht mehr drehen. Das waren ja Kurbelkameras! Das Bild oben auf dem Gipfel ist daher ein Standbild.

-Wie kam es, dass Paul Hindemith zu diesem Film die Musik schrieb?

Die Bekanntschaft meines Großvaters mit Paul Hindemith kam über einen gemeinsamen Freund zustande, Stefan Temesvary - ein Dirigent, der zu der Zeit weit oben war. Bei den Donaueschinger Musiktagen des Jahres 1921 feierte Hindemith seinen ersten richtig großen Erfolg. Donaueschingen ist nicht allzu weit weg von Freiburg. Da hat Herr Temesvary gesagt: „Mensch, Du, da gibt’s so einen Filmmenschen in Freiburg. Der macht grade einen ganz interessanten Film. Komm, lass uns mal zur Erholung dahin fahren und ein bisschen Film gucken.“ (Lacht.) Hindemith hat sich wohl spontan entschlossen, eine Musik dazu zu schreiben. Aus freien Stücken und wahrscheinlich auch ohne Geld. Er war vorher schon auf dem Weg zum Musik-Revolutionär - ist seltsamerweise aber bei diesem Film wieder zurückgegangen zu einer fast spätromantischen Musik.

-Der Film galt lange als verschollen...

Es gibt die schöne Geschichte, dass in den Siebzigern der damalige Direktor des Münchner Filmmuseums, Enno Patalas, über einen Fanck-Experten aus München gehört hat, dass wahrscheinlich in Moskau im Gosfilmofond-Archiv eine Kopie von diesem Film existiert. Enno Patalas hat’s dann irgendwie geschafft, diese Kopie zu bekommen - und zwar im Tausch gegen zwei James- Bond-Filme! (Lacht.) Gleichzeitig ist im Hindemith-Archiv eine Partitur gefunden worden. Die war überschrieben mit „In Schnee und Eis“, womit niemand etwas anfangen konnte. Dann hat ein Musikwissenschaftler aus Düsseldorf (Lothar Prox, Anm. d. Red.) erkannt, dass beides zusammengehört und die Adaption geschrieben - denn der aufgefundene Film war kürzer als die überlieferte Musik.

-Waren Sie mit Ihrem Großvater jemals in den Bergen?

Nein. Mit sechs oder sieben Jahren hatte er Asthma bekommen und ist zur Genesung in die Berge geschickt worden, nach Davos, ins Internat. Vielleicht ist er auch dadurch zu seiner fast religiösen Haltung gegenüber den Bergen gekommen. Als ich ihn kannte, war er schon nicht mehr in den Bergen, weil das Asthma wieder zurückgekommen ist. Und ich selber bin eh kein Bergsteiger.

Das Gespräch führte Thomas Willmann.

„Im Kampf mit dem Berge“

Stummfilm mit Musik ist morgen und übermorgen im Jüdischen Zentrum München zu erleben (20 Uhr), Karten unter Telefon 0180/54 81 81 81. Bereits heute spricht Thomas Gayda am selben Ort über „jüdische Pioniere der Bergfilmmusik“ (19 Uhr).

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