Auto rast offenbar in Bushaltestellen in Marseille

Auto rast offenbar in Bushaltestellen in Marseille
+
Blutiger Ringraub: Antonio Yang als Alberich, Egils Silins als Wotan und Vincent Wolfsteiner als Loge (v.li.).

Premierenkritik

Eine verdreckte Welt

Nürnberg - Der dritte bayerische „Ring“: Das Staatstheater Nürnberg hat sein Wagner-Projekt jetzt mit „Rheingold“ begonnen.

Wenigstens herrschen keine portugiesischen Verhältnisse. 500 Plastiktüten verbraucht dort der gemeine Südwesteuropäer pro Jahr. Der deutsche Konsumkollege zwar nur 71, doch jede einzelne Tüte, da zürnt die EU-Kommission in diesen Tagen zu Recht, ist eine zu viel. Und im Rhein, so scheint’s, bündelt sich gerade Europas Müll. Überall Plastik, knisterndes Folienzeug, das schon vor Beginn unterm Bühnenvorhang hervorquillt. Der Sündenfall wider die Natur ist also längst passiert – und nicht erst mit Alberichs Liebesfluch nebst anschließendem Gold-Klau. Richard Wagners „Rheingold“ als Öko-Drama, das ist nicht unbedingt neu. Doch wer da die Augen verdreht, der gehört zur Vielseher-Klasse überall hinreisender Opernverbraucher, die bei jedem Bild, bei jeder Chiffre genervt als Bescheidwisser posieren. Die Hauptsache ist aber: Funktioniert’s? Ist es schlüssig? Und da ist dem Staatstheater Nürnberg mit dem Auftakt zum neuen „Ring des Nibelungen“ Diskussionswürdiges gelungen.

Auch noch Nürnberg also. Kurz vor Torschluss des Wagner-Jahres starten die Franken ihr Großprojekt. Es ist, nach dem mäßig-braven Münchner und dem szenisch verunfallten Bayreuther der dritte bayerische „Ring“ in kurzer Zeit. „Rheingold“, und das haben alle drei gemeinsam, funktioniert ja immer irgendwie. Regisseur Georg Schmiedleitner findet in Nürnberg mit Stefan Brandtmayr (Bühne) und Alfred Mayerhofer (Kostüme) plausible Bilder. Nicht nur der Bodenbelag ist ein Fall für den gelben Sack, Plastikteile hängen auch wie falsche Früchte in einer die Szene manchmal begrenzenden Blätterwand.

Einen Schuss Boulevardkomödie braucht jedes „Rheingold“, so etwas bietet der Abend auch. Wotan gönnt sich mit Fricka einen Quickie auf der Ledergarnitur, die Riesen-Machos reichen den Schickie-Göttern Dosenbier. Und sie bringen einen im Doppelsinne Vorgeschmack auf die gerade gebaute Burg mit: ein Zuckerbäcker-Walhall, von dem doch gern genascht wird. Aber dann wird es auch ernst, blutig sogar. Man sieht, wie sich ein verdruckster Alberich zum präpotenten Boss wandelt. Man registriert, wie eine fassungslose Freia (sehr eindrücklich: Michaela Maria Mayer) nicht nur verschachert, sondern von den Riesen auch misshandelt wird. Und man sieht einen Göttervater, dem körperliche Unversehrtheit egal ist: Er schneidet Alberich kurzerhand den Finger mit dem Ring ab. In dieser verdreckten Welt, in der die Götterkaste nur Eleganz behauptet, ist kein Raum für große Zeichen, für Pathos, suggeriert Schmiedleitner. Weshalb ihm, ausgerechnet, die Sache mit dem Gold nicht optimal gerät: Ein Rohstoff ist es, in Kanistern abgefüllt, mit dem sich Alberich anfangs übergießt und mit dem sein Heim gestrichen wird – sieht eher nach Malerbedarf aus.

Nürnbergs Generalmusikdirektor Marcus Bosch hat sich im Programmheft viel Gedanken gemacht über einen schlanken, durchsichtigen Wagner-Klang. Nicht alles löst er ein. Das liegt auch an der Akustik des Opernhauses, die vergrößert und vergröbert. Bosch bleibt sängerfreundlich, zielt auf einen entspannten Konversationston. Wie Regisseur Schmiedleitner wird nicht viel herumgeheimnist: Die Klang-Kommentare werden kundig freigelegt. Es ist ein selbstverständlicher, schmuckloser, direkter Wagner, den Bosch dirigiert. In den Zwischenspielen und im Finale gibt er Gas. Und dann verliebt er sich doch in einzelne Stellen, Tempoverluste sind die Folge.

Erst zur Generalprobe stieß Einspringer Egils Silins als Wotan hinzu, der international Vielgefragte gestaltet mit gedecktem Ton, klug disponierter Kraft, anfangs auch zu einfarbig. Die übrigen Solisten stammen alle, das nötigt höchsten Respekt ab, aus dem Ensemble. An der Spitze Antonio Yang als scharf phrasierender, offensiver Alberich. Vincent Wolfsteiner singt einen ungewohnt heldentenoralen Loge, auch die übrigen können sich locker mit den Star-Paraden an anderen Häusern messen. Jubel, kaum Buhs – ein großes Versprechen für die übrigen „Ring“-Teile.

VON MARKUS THIEL

Nächste Aufführungen  am 5., 15., 22., 28. 12., Telefon 0180/ 523 16 00.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Zum Tod von Jerry Lewis: Amerikas trauriger Clown
Zeit seines Lebens hat Jerry Lewis die Menschen zum Lachen gebracht. Diese Fähigkeit schien ihm angeboren zu sein. Dabei durchlebt auch der Komiker schwarze Stunden.
Zum Tod von Jerry Lewis: Amerikas trauriger Clown
Albträume im La-Le-Lulu-Land
Die griechische Filmemacherin Athina Rachel Tsangari hat zum ersten Mal am Theater gearbeitet und für die Salzburger Festspiele in Hallein Frank Wedekinds „Lulu“ …
Albträume im La-Le-Lulu-Land
Arena di Verona: Auferstehen aus Ruinen
Die Arena di Verona kämpft mit Affären und Finanznot. Hilfe verspricht man sich von einem Sanierungsplan - und einer Uralt-„Aida“.
Arena di Verona: Auferstehen aus Ruinen
„Ein Hoch auf uns – Warum?“
Er ist Kapitän der Rockband Eisbrecher, deren neues Album „Sturmfahrt“ jetzt erscheint. Wir sprachen mit Alexander Wesselsky über die neue Platte, billiges Fleisch und …
„Ein Hoch auf uns – Warum?“

Kommentare