Eine, die weiß, was sie will

Hannah Herzsprung: - Die Welt ist ungerecht. Denn bis vor einem halben Jahr kannten Hannah Herzsprung nur wenige. Jetzt wäre es schon eine größere Überraschung gewesen, wäre sie beim Deutschen Filmpreis völlig leer ausgegangen, und man registriert nur: "Lola" für Hannah Herzsprung, war doch klar, oder?

Zugleich bewiesen die Mitglieder der Filmakademie ihre Weisheit im doppelten Sinn: Indem sie Herzsprung nämlich für ihre beiden ersten Kinorollen nominierten ­ und indem sie ihr die Auszeichnung nicht für Chris Kraus‘ "Vier Minuten", sondern für den Part in Alain Gsponers "Das wahre Leben" gaben, der zwar der unbekanntereFilm ist, aber der bessere.

Auch dies nur formal eine Nebenrolle, denn Herzsprung zieht alle Register: mal mädchenhaft und verführerisch, mal Zicke und schnöselig Pubertierende, mal sanft, dann wieder selbstzerstörerisch dem Wahnsinn nahe ­ und das noch etwas glaubwürdiger, als in "Vier Minuten".

Es ist schon eine Sensation: Da kommt eine Darstellerin quasi aus dem Nichts, spielt sich über Nacht in die Top-Liga des deutschen Kinos. Wenn man nur diese Filme sieht, hat man doch nur einen Teil dessen verstanden, was die Wirkung dieser Darstellerin wirklich ausmacht. Dafür muss man sie schon mal persönlich erlebt haben. Der wichtigste Eindruck: Herzsprung ist älter als ihre Rollen, sie ist reifer, erwachsener auch. Durchaus nicht das kleine süße Mäuschen, sondern eine 25-jährige, die weiß, was sie will.

Dann ihre Stimme: Rau ist sie, kehlig, fast ein bisschen im Widerspruch zu ihrem Äußeren, aber doch mit einem Schimmer des Widerspenstigen versehen. Dazu eine grundsätzliche Bescheidenheit, etwas Unprätentiöses.

So entspricht Herzsprung ganz und gar nicht irgendwelchen Klischeevorstellungen, die man möglicherweise hat, wenn man weiß, dass sie die Tochter des TV-Stars Bernd Herzsprung ist und in München aufwuchs. "Ich hatte als Kind keine Schicki-Micki-Erfahrungen", betont sie, "ich kam nie an den Set, und mein Vater wollte eher nicht, dass ich Schauspielerin werde".

Blut geleckt hat sie das erste Mal mit 12, als sich eine Filmcrew für ein paar Wochen bei ihr zuhause für einen Dreh einnistete. Trotzdem besuchte sie nach dem Abitur keine Schauspielschule, sondern die Universität. Zu ihrer ersten Filmrolle kam sie, als sie nach 1200 vergeblich gecasteten Mädchen für "Vier Minuten" vorsprach, und ­ "Ich wusste, ich bin die Richtige" ­ einfach mal wahrheitswidrig behauptete, sie könne Klavier spielen. So überzeugend war sie, dass sie die Rolle bekam.

Klavier musste sie dann monatelang üben, bevor sie alle Stücke im Film tatsächlich selber auswendig spielte. Manchmal muss man eben lügen. Hat sie noch etwas gelernt? "Ich wusste nicht, dass ich so stark bin. Darauf kann ich nun vertrauen."

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