Eine Welt, die Harmonie zulässt

- "Es ist wahnsinnig schwer, seinen Zeitgenossen geistige Geschenke zu machen", schreibt Franz Marc (1880- 1916) in seinem Aufsatz "Geistige Güter" in dem Almanach "Der Blaue Reiter". Wassily Kandinsky und er, der gebürtige Münchner, hatten seit 1911 daran gearbeitet. Im Mai 1912 erschien im Münchner Piper Verlag das kleine Buch, das eine große Umwälzung verkörpert.

Es war das "geistige Geschenk" der gleichnamigen Künstlergruppe an eine Welt, die kurz vor der geist-leiblichen Zerfleischung des Ersten Weltkriegs stand. Es ist eine Gabe an uns, die wir die Zerfleischung von Körper, Moral, Seele und Geist durch die Menschheitsverbrechen des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs als unauslöschliche Vergangenheit hinter uns haben.

Aura reizt Spötter

Marcs Geschenk wurde nach dem Entsetzlichen umso lieber angenommen, als er der Kunst eine religiöse, eine heilende Wirkung zusprach und tatsächlich den eigenen Werken einflößte. Das brachte ihm bei weiten Kreisen - eben auch bei Nicht-Kunstkennern - intensive Zuneigung ein, reizte gleichzeitig so manchen Spötter: Da will einer Avantgarde sein, malt mit Vorliebe Tiere und verschafft ihnen mitunter eine spirituelle Aura. Ist das überhaupt möglich? Dass gerade Marc und "Der Blaue Reiter" alles Schubladendenken und seine Zwänge befreien wollten, beweist jetzt die Ausstellung "Franz Marc" (unsere Zeitung ist deren Medienpartner).

Zwei Liebste

Die Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München, präsentiert nach fünf Jahren Arbeit am Werkverzeichnis die umfangreichste Schau zu seinem uvre, die es je gegeben hat. Nur die Gedenkausstellung kurz nach seinem Tod 1916 (bei Verdun) war vollständiger. Über 100 Leihgeber aus aller Welt wurden mit einbezogen. Manche Bilder waren noch nie zu sehen. Spezialistin Annegret Hoberg folgt der Chronologie. Deswegen bräuchten selbst kunsthistorisch "Unbelastete" eigentlich keine Führung, denn Marcs Entwicklung vom gedeckt tonigen Realismus zur strahlend farbigen Fast-Abstraktion steht glasklar vor Augen.

In Lenbachs Villa geleiten mächtig aufgezogene Fotos - Marc und die Frauen . . . - den Besucher ins Obergeschoss, denn für Museumschef Helmut Friedel war es wichtig, den Maler einzubinden in die traditionelle Münchner Schule und den "Blauen Reiter". Die Verflechtungen lassen sich somit zwanglos begutachten. Im ersten Raum umfangen einen die erdigen Töne; und es ist ein Erlebnis, wenn im zweiten quasi die Sonne aufgeht. Noch viel stärker muss das der junge Franz empfunden haben damals im Frankreich der Impressionisten, Vincent van Goghs oder Paul Gauguins. Marc ließ ein zartes Lärchenbäumchen auf der Wiese erstrahlen, in einem Grün, Gelb und Gelbgrün, das den ganzen Frühling auffängt. Auf solche Wiesen tupfte er auch seine zwei Liebsten Marie und Maria - die er beide heiraten wird. Die ersten Viecherl tauchen auf - Hund und Katz', Reh und Wildkaninchen. Ein paar Schritte weiter, im übernächsten Saal, entdeckt man sogar das erste blaue Pferd, entstanden 1910.

In Farben schwelgen

Aber zuvor sollte man ein eher unspektakuläres Kabinett beachten. Hier sind neben anderen Grafiken Marcs anatomische Tierstudien versammelt, die sich höchst genau mit Skelett und Körperbau/-funktion  beschäftigen bis hin zum aufflatternden Vogel. Nicht nur in der Tiermaler-Tradition eines Heinrich von Zügel oder Alexander Koester, sondern besonders im naturwissenschaftlichen Wissen um die Fauna liegt die Wahrhaftigkeit von Marcs modernen Tierdarstellungen. Seien Vogel oder Pferd, Gazelle oder Fuchs noch so kubistisch beziehungsweise futuristisch "zerlegt", die Haltung, das innere Wesen stimmen immer. Die Tiere sind weder schöne Dekoration wie bei den älteren Malern noch Zeichentrickfiguren oder Kuschelwesen wie heute. Marcs Tiere sind so autark wie der altägyptische Horus oder der indische Elefantengott.

"Auf dem Rücken der Pferde" kommt dann der Besucher in den Kunstbau. Dort gruppieren sie sich in Rot; neigt ein blaues Ross zierlich den Kopf wie bei der Hohen Schule oder kehrt uns das Hinterteil zu, um über die Landschaft zu schauen. Dort wird zugleich richtig in Farben geschwelgt. Nicht nur auf den Gemälden, Aquarellen und Gouachen, sondern auch an den Wänden (eine Präsentationsform, die das Lenbachhaus schon für den "Blauen Reiter" entwickelt hatte). Lachsrot und Zitronengelb, Hellgrau und Dunkelrot sind die Fassungen für kleine Bild-Geschmeide, die funkeln wie bunte, geschliffene Edelsteinarbeiten, und für große Formate, die oft leuchten wie mittelalterliche Kirchenfenster. Manchmal scheint es, als habe sich die schlanke, aufstrebende Gotik in ein Gemälde eingewoben. Tiere in einem "Dom", wie Friedel anmerkt. Diesen sakralen Raum formt Franz Marc als Durchdringung von Natur und Kunst.

Kein Esoteriker

Da die Exposition präzise gestaltet und gehängt ist, ohne Sperenzchen, dafür mit vielen Informationen über die Arbeitsweise des Malers - wie z.B.  ein  Motiv konsequent durchgestaltet wird von den Skizzen bis zum Ölgemälde -, vermeidet sie, Marc als Utopie-raunenden Esoteriker hinzustellen. Bei all seinen ästhetischen Theorien ist er zuallererst Künstler: Sein Werk, die stumme Sprache der Bilder haben das Wort - nicht das Reden von Buchstaben gilt, schon gar nicht das von Exegeten. Die angenehm lockere Positionierung der Arbeiten - manche Bilder beherrschen allein eine Wand - ermöglicht ein unvoreingenommenes, selbstständiges Schauen. Sieht der Besucher in den abstrakten Gemälden noch den Elefanten und den Krallen ausfahrenden Adler? Wichtiger ist, dass er Franz Marcs Mut wahrnimmt, Räume und Erlebnisfelder aufzubauen. Sie verweisen auf eine denkbare Welt, die Harmonie zulässt. Und wenn es nur auf einem Bild ist - in der Kunst.

Kosmos und Komik

Das wirkt umso beeindruckender, als der Maler sehr wohl düstere Analysen formuliert hat. "Das arme Land Tirol" (1913) zeigt zwischen brennenden Häusern, überflüssigen Herrschaftszeichen und fast verhungerten Pferden eine apokalyptische Landschaft. Noch unheimlicher, weil nicht so plakativ, ist "Die Wölfe (Balkankrieg)" von 1913. Eine gestaffelte Reihe hohläugiger Tiere mit schnurgeraden Rücken, auf denen sich die Haare sträuben, schiebt sich auf einen liegenden Artgenossen zu - unausweichliche Bedrohung. In der erloschenen Umgebung sind nur noch verstreute Balken zu erkennen. Ein grausiges, hoffnungsloses Schattenreich scheint gesiegt zu haben - wenn da nicht, fast zu übersehen, helle Glockenblumen neben den Ruinen aufblühen würden. Es gibt kaum ein Kriegsbild, das so wenig Krieg zeigt und so viel darüber aussagt.

Dass Schrecken und Schönheit, Kosmos und Komik sich nicht ausschließen, erzählen auch andere Bilder, die nicht zeitgebunden sind. "Zwei Katzen, Blau und Gelb" (1912) tummeln sich auf kringeligem Grund; hier ebenfalls die Knospenpflanze, im Hintergrund ein Bauernhaus am Hügel. Die blaue Katze putzt sich akrobatisch am Hinterlauf; in ihrer Flanke kreisen vielleicht Planetenbahnen, vielleicht schillert dort eine Seifenblase. Neben diesem gemütlichen Müßig- und Weltengang jedoch fixieren beängstigend die scharfen Augen der gelben Katze eine Maus. Dann doch lieber die Kühe. Sie haben kein schillerndes Doppelwesen. Der Maler zeigt sie als zuverlässige Ernährer des Menschen. Selbst der Stier ist eine "Ruhezone", und in der "Weltenkuh" (1913) ruht ohnehin das Universum, ohne dass Rindern Phlegma angedichtet würde. Ganz gegen das Klischee lässt Franz Marc sie herzerfrischend vergnügt durchs Bild springen und beweist damit wieder, dass er uns ein "geistiges Geschenk" machte: aus den Schubladen unseres Denkens herauszukriechen.

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