Eine Welt aus Treibsand

- Ein Buch wird wahr. Eine Romanfigur lebendig. Dann trifft auch noch ihr Schöpfer sich selbst als Jugendlichen wieder. Und ein Haus vergrault seinen Bewohner. Ein Stofftier verwandelt sich in ein blutrünstiges Monster. Mehrere Jungen aus der Gegend verschwinden spurlos und zuletzt auch der Sohn des Schriftstellers. Es ist ein munteres, verrücktes Spiel, das Bret Easton Ellis in "Lunar Park" mit seinen Lesern und seinem zwiespältigen Selbst - dem Autor und dem gequälten, stets besoffenen, bekifften und mit Medikamenten zugedröhnten Bret - da treibt.

Und es ist ein ebenso gruseliges wie vergnügliches Spiel: Bret Easton Ellis, einst böser Bube der amerikanischen Literatur, hat eine humorvolle Abrechnung mit sich selbst geschrieben, eine fiktive Autobiografie, einen lustigen Thriller, eine bisweilen alle Nackenhaare aufstellende Parodie, ein fantastisches Konstrukt.

Wie hängen nun das Buch, die Romanfigur, der Schriftsteller, sein Haus, das Monster und der verschwundene Sohn zusammen? Das lässt sich nur ungefähr erklären, denn die Vielschichtigkeit von Ellis' Roman erlaubt zahlreiche Querverbindungen, und keinesfalls soll dem Leser an dieser Stelle der Spaß genommen werden, sie auf den satten 457 Seiten voller Spannung selbst aufzuspüren. Ellis beginnt sein Buch schon vor dem Roman. Er lässt sich über seine eigenen Romananfänge aus, zum Beispiel vom berühmten und verfilmten "American Psycho", und schafft damit die autobiografische Umgebung, in die er den nun folgenden, in Übertreibungen und Halluzinationen ausartenden Roman bettet. Hauptfigur und Erzähler ist der Schriftsteller Bret Easton Ellis, der nach einem drogenbedingten Totalabsturz die Schauspielerin Jayne heiratet und mit dem gemeinsamen Sohn, den er bisher ignorierte, und einer weiteren Tochter Jaynes ein gediegenes Familienleben versucht.

Selbstverständlich ist Halloween, als durch einen Spuk dieses Idyll mächtig ins Wanken gerät, um innerhalb weniger Tage völlig zu zerbröseln. Ironie der Geschichte ist, dass man Brets Geisterstunden auch seinem Lieblingscocktail aus Drogen und Medikamenten zuschreiben könnte, der im fantasiebegabten Dichter einen Krieg echter und eigener Welten stattfinden lässt. Doch so einfach macht es sich der Autor nicht. An einer diffusen Grenze zur Normalität werden auch für die anderen Figuren Merkwürdigkeiten spürbar: Das Haus verliert seinen Putz, die Farbe darunter ist diejenige von Brets Elternhaus. Die nachts auf der Terrasse auftauchende nasse Badehose trug einst Brets Vater, aber auch Jayne kann sie wahrnehmen. Und so weiter.

Literarische Morde

Bereits "American Psycho" war erklärtermaßen durch Ellis' Vater inspiriert, hier findet nun die ausführliche Aufarbeitung der feindseligen Vater-Sohn-Beziehung statt. Bret selbst findet keinen Draht zum Roman-Sohn, begegnet ständig einem jungen Mann, der er selbst war und sich vaterlos fühlt. Unterdessen treibt auch noch das vogelartige Stofftier der Tochter sein makabres Unwesen und tötet etwa eine Katze: "Der Schriftsteller erwog die unterschiedlichen Szenarien, bis ich einschritt und den Schriftsteller zwang, zu hoffen, dass es nicht wahr war. Denn wenn ich glaubte, dass das Stofftier dafür verantwortlich war, würde sich die Welt, in der ich lebte, in eine Welt aus Treibsand auflösen." Das tut sie trotzdem, denn der Schriftsteller kommt mit seiner zwanghaften Umschreiberei der Wirklichkeit nicht mehr zurecht und verirrt sich ausweglos darin.

Das literarisch Interessanteste aber ist: Patrick Bateman, Protagonist aus "American Psycho", scheint plötzlich zu existieren, begeht detailgetreu die Morde aus jenem Buch und sucht den Schriftsteller heim. Zunächst scheint es, als habe sich jemand "American Psycho" nur als grausige Anleitung gewählt, doch dieser Jemand realisiert sogar Szenen, die nur im Manuskript der Rohfassung vorkommen, die keiner kennt. Und dann tut Bret etwas, worauf er längst hätte kommen können: "Wenn ich Patrick Bateman erschaffen hatte, würde ich jetzt eine Geschichte schreiben, in der seine Erschaffung rückgängig gemacht und seine Welt ausradiert wurde." Ähnliches scheint Ellis auch mit dem Roman "Lunar Park" zu unternehmen: Er tötet die Geister, die er rief, befreit sich von den "gequälten Entitäten". Er rechnet außerdem mit sich als Sohn und möglichem Vater ab und adressiert einen der letzten Sätze an den eigenen, verhassten Vater: "Ich werde dich nie vergessen, ich habe dich gebraucht, ich liebte dich in meinen Träumen." Seinem verschwundenen Buch-Sohn übrigens geht es gut: Er floh vor dem verantwortungslosen Bret nach "Lunar Park", in eine Mondlandschaft. Wer sich aber in den Roman "Lunar Park" begibt, der erlebt ein intelligentes, verblüffendes, irrwitziges Lesevergnügen.

Bret Easton Ellis: "Lunar Park". Aus dem Amerikanischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 457 Seiten; 22,90 Euro.

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