Mit einem Augenzwinkern

- Vor fünf Jahren wurde Jonathan Nott (43) zum Chef der Bamberger Symphoniker berufen. Doch den früheren Kapellmeister in Frankfurt und Wiesbaden hatte wohl niemand auf der Liste. Mittlerweile kann man schon von einer Ära an der Regnitz sprechen, zumal sich der sympathische Brite auch internationale Podien erobert hat. Er dirigierte die Berliner Philharmoniker, übernahm die Verantwortung für das von Pierre Boulez gegründete Ensemble Intercontemporain - und gastiert heute, morgen und am Sonntag bei den Münchner Philharmonikern. Auf dem Programm: Haydns "Trauer-Sinfonie", Strawinskys Violinkonzert (mit Kolja Blacher) und Honeggers dritte Symphonie ("Liturgische"), die unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs entstand.

<P>Einmal die Trauerthematik, dann Neoklassik: Sind das die beiden roten Fäden des Programms?<BR><BR>Nott: Ja. Wobei man als Gastdirigent prinzipiell ein kleines Problem hat. Man macht Vorschläge, manches ist dem Chef vorbehalten, da muss eine Linie gefunden werden. Haydn und Strawinsky passen einfach zusammen, Honeggers Symphonie, die ich vorher nie dirigiert habe, war ein Vorschlag von den Philharmonikern. Es ist eines der wenigen Stücke des 20. Jahrhunderts, das als letztes Werk eines Abends "funktioniert". Das Schwierige daran ist die neoromantische Aussage verbunden mit dem Entstehungszeitraum und der Düsternis um 1945/ 46.<BR><BR>In Bamberg bieten Sie eine ganz bestimmte Programm-Mischung mit moderner Musik. Funktioniert das?<BR><BR>Nott: Ja. Es ist immer die Frage, wie man das präsentiert. Zuallererst müssen Ideen entwickelt werden, sodass man 100-prozentig dahinter steht. Ich biete auch Einführungen an, bei denen das Orchester dabei ist. Es soll klar werden, warum wir das spielen. Dann baut man Vertrauen auf. Ich will ja nicht provozieren. Und ich will Zeitgenössisches nicht als Alibi einschieben. Ich will öffnen, vielleicht mit einem Augenzwinkern. Dann stimmt das Paket. Schließlich machen wir Musik auch mit dem Publikum.<BR><BR>Also ist in der Vergangenheit vieles versäumt worden.<BR><BR>Nott: Absolut. Die Konzertveranstalter haben zu oft gesagt: Wir müssen, wir wollen - und haben das Programm einfach vorgesetzt. Wir sind viel zu lange auf einer einzigen Schiene gefahren. Und haben vernachlässigt, wie man die Neugier des Publikums herauskitzeln kann. Wie man die Kraft, den wahnsinnigen Spaß, den 100 Personen auf der Bühne haben, auch anders vermitteln kann. Aber nicht dass Sie mich falsch verstehen: Wenn ich nie mehr eine Brahms-Symphonie dirigieren dürfte, dann wäre ich auch sehr traurig. Ich will alles. Und es ist möglich.<BR><BR>Wie sieht dann ein Abo-Konzert in 20 Jahren aus?<BR><BR>Nott: Ich glaube, es wird Abo-Konzerte auf jeden Fall noch geben. Deutschland ist vielleicht das einzige Land weltweit, wo öffentliche Kunst, wo Musik einen solchen Stellenwert hat. Und ich hoffe, dass Programme, wie wir sie in Bamberg spielen, bald überall normal sind. Dass man nicht um sieben Minuten Ligeti vor dem Mendelssohn-Violinkonzert kämpfen muss (lacht).<BR><BR>Als die Bamberger Sie damals wollten, waren viele überrascht. Sie auch?<BR><BR>Nott: Na klar. Als ich 18 war, wollte ich Sänger werden, Dirigent nie. Ich war von meinem ganzen Berufsweg irgendwie überrascht. Vieles ist früh gekommen - und einfach passiert. Außerdem: Ich bin kein Deutscher. Und dann Bamberg. Diese Tradition! Diese Klangkultur! Nach viereinhalb Jahren hat sich nun, wie ich finde, eine tolle Verschmelzung ergeben.<BR><BR>Wenn Sie Sänger werden wollten: Wann hat sich die Karriere in Richtung Dirigent entwickelt?<BR><BR>Nott: Ich war Korrepetitor an der Frankfurter Oper, kurz vorher hatte ich mit dem Dirigierstudium begonnen. Als Korrepetitor investiert man sehr viel Arbeit in eine Opernproduktion, taucht aber am Abend der Vorstellung nie auf. Das fand ich irgendwie schade. Mit Hilfe des damaligen Chefdirigenten Gary Bertini bin ich dann ans Pult gekommen.<BR><BR>Auch Wolfgang Sawallisch hat als Korrepetitor am Theater begonnen. Ist das womöglich der Idealweg für einen Dirigenten?<BR><BR>Nott: Er bringt zumindest unglaubliche Vorteile. Als einer, der mit Opern zu tun hat, muss man wach, sehr flexibel sein und schnell reagieren können. Dadurch sammelt man viel Gold im persönlichen Erfahrungstresor an. Außerdem macht man seine ersten Fehler nicht unbedingt im grellen Rampenlicht . . .<BR><BR>Sehnen Sie sich, als Chef eines Symphonie-Orchesters, zur Oper zurück?<BR><BR>Nott: Schon. Aber Oper ist eben ein Gesamtkunstwerk. Ich würde also eine Produktion nur dirigieren, wenn ich wirklich volle sechs Wochen für die Premierenvorbereitung Zeit hätte. Die habe ich jetzt nicht. In Bamberg haben wir allerdings schon konzertante Oper gespielt, was ich auch sehr schätze. In München bin ich jetzt abends am Nationaltheater vorbeigegangen. Und diese Atmosphäre, dieser Geruch . . . Wahrscheinlich bin ich doch ein Theatertier.</P><P>Das Gespräch führte Markus Thiel</P>

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