In einem kleinen italienischen Hotel

Salzburg - Giacinto Scelsi, der italienische Komponist, und Christoph Marthaler, der Musiker und Theaterregisseur: Diese Kombination ließ auf Ungewöhnliches hoffen. Auf der Perner Insel in Hallein wurde jetzt der "Sauser aus Italien" uraufgeführt.

Eine restlos befriedigende Antwort hat auch Regisseur Christoph Marthaler nicht für das Publikum parat - und will sie vermutlich auch gar nicht geben. Denn wer könnte schon mit gutem Gewissen von sich behaupten alle Rätsel um Giacinto Scelsi (1905-1988) in rund zwei Stunden zu ergründen. Hüllte sich der Komponist über seine eigene Person doch meist in Schweigen und lehnte Interviews ebenso bestimmt ab wie Fototermine.

Etwas klarer dürfte das Bild des italienischen Querdenkers nun aber wohl doch geworden sein, dank der ambitionierten Konzertreihe "Kontinent Scelsi", mit der den Salzburger Festspielen in diesem Jahr ein erfolgreicher Neustart in Sachen zeitgenössischer Musik geglückt ist.

Zum Abschluss des Zyklus' präsentierte Christoph Marthaler nun auf der Perner-Insel in Hallein seine als "Sauser aus Italien" betitelte "Urheberei", eine Art Zwitter aus szenischem Konzert, absurdem Theater und philosophischer Lesung rund um Scelsis Musik.

Was man hier am Anfang noch als schrilles Klingeln der Pausenglocke zu identifizieren glaubt, die das neugierige Publikum zur Vorstellung ruft, entpuppt sich schon bald als erster Ton einer ausgeklügelten Klangcollage, die vom Regisseur mit einer wahren Flut an kryptischen Bildern illustriert wird. Als szenische Klammer dient Marthaler dabei ein kleines Hotel in der italienischen Provinz, das wahrscheinlich schon bessere Tage gesehen hat und nun still und leise vor sich hin bröckelt.

Im Untergeschoß sieben Gäste, die wortlos ihr karges Frühstück zu sich nehmen, während in der Ecke ein Mann am Flügel Platz genommen hat, um immer wieder denselben verzerrten Ton anzuschlagen, der den ganzen Abend über als eine Art akustisches Leitmotiv präsent bleiben wird. Die kurzen Textfragmente, die sich danach allmählich zwischen das Klavier drängen, scheinen dabei manchmal fast so wirr wie der Tonbandsalat auf dem Schreibtisch des Portiers, der gewissenhaft eines der verstreut herumliegenden Notenblätter bügelt. Ob auf diesem Papier aber auch wirklich die Musik Giacinto Scelsis gedruckt ist, bleibt im Unklaren. Denn die meisten seiner Schöpfungen hat der Komponist lediglich auf Tonband hinterlassen und die Niederschrift seinen Schülern überlassen.

Die daraus entstandene Kontroverse um die wahre Urheberschaft von Scelsis Partituren hat einst hohe Wellen geschlagen, tritt nun aber bei Marthaler mit Fortschreiten des Abends immer weiter in den Hintergrund - bis die Musik irgendwann endgültig die Oberhand gewinnt. Ganz ähnlich dem Streichquartett, das zunächst noch stumm hinter einer Glasscheibe aufspielt, ehe seine nur wenig einschmeichelnden Klänge auch für den Zuhörer enthüllt werden.

Leichter ins Ohr gehen dagegen die "Quatro Pezzi" für Solo-Trompete oder der fast schon meditative "Canto anonimo" für Kontrabass, die beide auf nahezu leer geräumter Bühne einen ruhigen Kontrapunkt zum aufgekratzten Beginn setzen. Überhaupt hat Marthaler bei der Musikauswahl eine überaus glückliche Hand bewiesen und gemeinsam mit seinen Mitarbeitern einen abwechslungsreichen Querschnitt durch die Musik Scelsis zusammengestellt, welche von den Mitgliedern des auch szenisch agierenden Klangforums Wien mit viel Einfühlungsvermögen und großer Präsenz umgesetzt wird. Und selbst wenn am Ende wirklich noch so manche Frage offen bleibt: Etwas kleiner ist das Fragezeichen hinter dem Namen Giacinto Scelsi zumindest geworden.

Weitere Vorstellungen: heute sowie am 23., 24. und 25. August auf der Perner-Insel Hallein.

Karten unter Telefon: 0043/662/ 8045-500.

Die Besetzung

Regie: Christoph Marthaler.

Bühne: Duri Bischoff.

Kostüme: Sarah Schittek.

Licht: Andreas Phoenix Hofer.

Dramaturgie: Malte Ubenauf.

Darsteller: Olivia Grigolli, Katja Kolm, Sasha Rau, Bettina Stucky, Raphael Clamer, Josef Ostendorf, Lars Rudolph, Graham F. Valentine. Klangforum Wien.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Glut in der Zwiebel
Zum Auftakt des Münchner Filmfests wird der erste Dokumentarfilm über Bud Spencer uraufgeführt.
Glut in der Zwiebel
Don Giovannis Affären: „Frauen wollen das“
Man kann ihn als verrucht und verdorben abtun, man kann allerdings auch die Schuld ein Stück weit bei den Opfern Don Giovannis suchen - so wie es Regisseur Herbert …
Don Giovannis Affären: „Frauen wollen das“
Lyriker Jan Wagner erhält Georg-Büchner-Preis
Die wichtigste literarische Auszeichnung in Deutschland geht 2017 an einen Lyriker: Jan Wagner (45) erhält den diesjährigen Georg-Büchner-Preis.
Lyriker Jan Wagner erhält Georg-Büchner-Preis
Filmfest-Chefin Iljine: „Das ist die Krönung“
Am Donnerstag beginnt in der Landeshauptstadt zum 35. Mal das Filmfest München. Wir sprachen mit Chefin Diana Iljine über ihr persönliches Highlight - und die Zukunft …
Filmfest-Chefin Iljine: „Das ist die Krönung“

Kommentare