Aus einem Puppenheim

- Die Gefahr besteht schon, dass diese Oper unter der Last ihrer Anspielungen und Querverweise ins Straucheln gerät. Denn Engelbert Humperdincks "Königskinder" sind ja viel mehr als ein Ersatz-Grimm, viel mehr als ein Märchenaufguss seines Bestsellers "Hänsel und Gretel". Subtile Erotik existiert da neben brutaler Sozialkritik à` la Gerhart Hauptmann, Generationenkonflikte neben Freud'schen Couch-Erkenntnissen; dazu gibt es noch ein (musik-) dramatisches Konzept, das Wagners "Siegfried" im Hinterkopf hat, die "Walküre" sogar wörtlich zitiert: Ein Regisseur, der das alles zeigen will, muss sich zwangsläufig verzetteln.

Man kann es natürlich ganz anders machen. So wie Andreas Homoki und Ausstatter Wolfgang Gussmann bei ihrer Neuproduktion fürs Münchner Nationaltheater. Denn um sich nicht in den Untiefen des Stücks zu verlieren, bleibt das Duo lieber gleich an der Oberfläche und startet eine Putzigkeits-Offensive, die auch noch die Staatsopern-übliche Neon-Ästhetik bedient: Ohne Herrn Grell und Frau Schrill läuft hier schließlich gar nichts mehr.

Wobei Gussmanns Bühne schon ihre Reize hat. Gar hübsch hängt ein auf den Kopf gestellter, naiv gekrakelter Wald herab. Lockt die Freiheit, wird das spitz zulaufende Kinderzimmer weggeklappt - doch draußen gähnt das ungewisse Schwarz. Die Hexe ist eine überdrehte Gouvernante, Gänsemagd und latzbehoster Königssohn finden sich vor/auf einem großen Schrank, den Homoki aus seiner Münchner "Arabella" herübergerettet hat und der als Sinnbild für Bürgerlichkeit und verborgene Geheimnisse bald aufdringliche Symbolkraft bekommt. Ebenso übrigens wie die Papierbögen, die zum Vorspiel des dritten Akts malerisch-melancholisch aus dem Schnürboden segeln, deren lautstarke "Landung" sich aber Dirigent Fabio Luisi hätte verbitten müssen.

Womit man auch schon bei den Problemen dieser Aufführung wäre. Viel-Inszenierer Homoki ist mittlerweile zum Opfer seiner Versiertheit geworden, plündert dabei beherzt (oder unschlüssig?) frühere Arbeiten. Eine Regie des Sänger-Beschäftigers ist gewiss manierlich anzuschauen. Doch, abzulesen an diesen "Königskindern": Am Gehalt des Stücks, an der Vieldimensionalität zielt sein Handwerk, das Situationen lediglich bedient, vorbei.

Denn ob unter dem wuselnden Volk von Hellastadt Nutten stöckeln und Bierdimpfl prosten, ist letztlich zweitrangig, zumal sich die von Humperdinck und seiner Dichterin Elsa Bernstein gewollte Aggressivität der Masse kaum mitteilt. Und wenn Königssohn und Gänsemagd im Finale vor Gram vergreist und mit Rollstuhl hereintappern, dann taugt der Auftritt nur zum Kurzzeiteffekt: Warum überhaupt ist der Rest des Personals nicht gealtert?

Akzeptabel in dieser Inszenierung ist einzig die Funktion des Spielmannes, der zum Spielmacher und zur Identifikationsfigur aufgewertet wird. Das liegt zum Gutteil am großartigen Sängerschauspieler Roman Trekel, den - ob Wolfram in Bayreuth oder Don Alfonso in Berlin - ja immer der Hauch des Dämonischen umweht. Was an seiner großen, schlanken Erscheinung liegt, aber auch an seiner Stimme, der baritonaler Glanz und balsamische Verführungskunst fehlen, die dafür andere, herbere, womöglich viel interessantere Facetten eröffnet. Dass sich am Ende dieser Spielmann auf einer Bühne wiederfindet, die der ersten Szene gleicht, dass damit Kreisbewegung und Ausweglosigkeit des Geschehens angedeutet wird, bleibt Homokis bester Einfall. Nur trägt der eben keinen ganzen Abend.

Auch Robert Gambill, dessen tapsige Jungenhaftigkeit der Rolle des Königssohns gut steht, hat sich erfolgreich in die Aufgabe eingefühlt. Mag man bei seinem Tenor den heldentenoralen Kern vermissen, mag die prägnanzarme Stimme oft wirken wie in Watte gepackt: Beim Tannhäuser ist das problematisch, weniger bei der wesentlich lockerer, oft im Konversationston zu gestaltenden Humperdinck-Partie. Und auch Annette Dasch verfügt als Gänsemagd über passende vokale Voraussetzungen: eine genuin Lyrische, die klangschön phrasiert, dabei das Potenzial für dramatische Weite besitzt - und sich in ihrer Karriere sicher noch herzerwärmende Zwischentöne erobern wird. Dieser schüchternen Magd begegnet Dagmar Pecková´ (Hexe) lustvoll als drastische Oma, kann das aber stimmlich nicht ganz beglaubigen.

Jubel für den Dirigenten

Buhs für den Regisseur

Das schlüssigste Konzept des Abends hatte da schon der Mann am Pult. Fabio Luisi setzte - nach überdrehtem Start - auf eine straffe und sehr wendige Deutung. Lyrischen Momenten gab er Raum, entging aber der Gefahr des allzu Sentimentalen. Die an Wagner geschulten Instrumentalmischungen, dieser so besondere süßsauere Gestus wurden fast überdeutlich und trennscharf ausgestellt. Hörbar Gefallen fand das Staatsorchester an dem Dirigat, ließ sich - im Verein mit dem akkuraten Chor - willig und leicht durch Humperdincks Filigranarbeit manövrieren. Und bald hatte sich die Schere gefährlich geöffnet: Im Graben das Gegenteil von Entschärfung und Verniedlichung, oben nur Szenisches aus einem Puppenheim. Was sich in der Reaktion des Publikums widerspiegelte: heftiger Jubel für Luisi und fast achselzuckende Buhs für Homoki/ Gussmann. Wiederentdeckungen? Die hatte man sich eigentlich anders vorgestellt.

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