Einen ersten Brocken losgeklopft

- Zum Abitur nicht zugelassen. Den Wehrdienst verweigert, aus der Lehre geflogen und als Straßenkehrer beschäftigt. Im September 1988 den Ausreiseantrag gestellt, im Mai 1989 die DDR verlassen - und dann auch noch die Revolution verpasst. Als seine Mitbürger "Wir sind das Volk" skandierten, holte Marko Martin am Bodensee das Abitur nach. Doch kurz vor dem Beitritt seiner Heimat zog es den Sachsen noch einmal zurück. Mit 19 Jahren begab er sich in einen verschwindenden Staat, der zwar westlich-demokratisch geworden war, in dem aber noch immer Altes fortwirkte.

<P>Sein Tagebuch, erstes Zeugnis des Schriftstellers Marko Martin, bekannt durch Reisereportagen oder den Roman "Der Prinz von Berlin" (2000), ist nun 15 Jahre später erschienen: "vielleicht als Befreiungsprozess". Oder: "einen ersten Brocken losgeklopft, noch keine Literatur, aber ein Versuch, die versteinerten Spuren darin zum Sprechen zu bringen". Mit Ostalgie, keck gefeiert in "Good bye, Lenin", hat das Buch "Sommer 1990" nichts zu tun. Es ist Spurensuche und Forschungsreise, Erinnerungstrip und Sichbewusstwerden. Und Anklage gegen Wendehälse, die Marko Martin aufsuchte, sie mit ihrer Vergangenheit konfrontierte.<BR><BR>Ohne Klischees und Ostalgie<BR><BR>Immer wieder wird der Zorn des jungen Rückreisenden spürbar, auch das Erstaunen über das Phlegma, das die DDR-Revolution bei den Mit- und Leidtragenden hinterließ. Eine "Unfähigkeit zur Freude", eine "blöde Kapitulation vor jeder neuen Realität" konstatiert Marko Martin - und eine merkwürdige Ernüchterung, als endlich das verhasste System besiegt war: alles erreicht - und was jetzt?<BR><BR>Wie anders, wie fantasievoll haben dagegen die tschechoslowakischen Brüder ihren Umbruch gestaltet. Martin erhascht noch eine Ahnung davon, als er nach Prag reist. Die Schilderung dieser Ereignisse gehört daher zu den schönsten Passagen des Tagebuchs, das viel vom assoziativen, kunstvollen Stil Marko Martins vermittelt. Ein Stil, der zuweilen ins pathetische Wuchern gerät, in seiner Unbehauenheit aber stets sympathisch ist.<BR><BR>Eine ganz wichtige Funktion erfüllen diese Aufzeichnungen also. Sie erinnern noch einmal, ganz ohne "Dritte-Weg-Spekulationen" sowie die heute üblichen Klischees und populistische Vereinfachungen, an diese aufregende Zeit zwischen November 1989 und Oktober 1990, als alles ins Wanken geriet, alles möglich schien. Und sich 15 Millionen Bürger dann doch in Windeseile, verführt von vemeintlich "blühenden Landschaften", dem Westen an die Brust warfen.<BR>Markus Thiel</P><P>Marko Martin: "Sommer 1990". Deutsche Verlags-Anstalt, München, 208 Seiten; 17,90 Euro.<BR></P>

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