Einen Punkt setzen

- "Die Liste der letzten Dinge" heißt Theresia Walsers neues Werk, ein Drei-Frauen-Stück. Morgen wird es vom Bayerischen Staatsschauspiel im Theater im Haus der Kunst uraufgeführt. Es spielen Ulrike Willenbacher, Barbara Melzl und Ulrike Arnold. Die Regie hat Schirin Khodadadian übernommen. Sie hat bereits während ihres Studiums (Abschluss 1998) auf Münsteraner Bühnen die Theatermacherei getestet. Ab 2001 war sie feste Regisseurin am Stadttheater Ingolstadt, ist aber auch für andere Häuser von Hamburg bis Tübingen aktiv.

Walsers Stück schwebt in einem seltsamen realen und zugleich (alb-)traumhaften Raum. Wie nähert man sich dem inszenatorisch an?

Schirin Khodadadian: Ich versuche herauszufinden, was die Grundsituation ist. In diesem Fall zwei Frauen, die die Welt von sich erlösen wollen. Das wird zunächst ganz einfach gegriffen, um dann mit den eigenen Assoziationen und mit denen der anderen hineinzugehen. Damit gibt man ein großes Spielfeld frei. Daraus entwickelt sich ein System auf einer fast musikalischen Grundfläche, auf der Setzungen möglich sind. Das bedeutet für die Schauspieler intensive Auseinandersetzung - sehr persönlich und reflektierend. Mit jenen Polen muss man umgehen und ihnen nichts überstülpen. Das ist ein spannender Vorgang, weil ein Widerstand existiert. Durch die Figuren, die nicht greifbar, durch die Situationen, die so abgedreht sind.

Es geht unter anderem um eine Art Erlösungswahn.

Khodadadian: Es ist die grundsätzliche Sehnsucht, im Leben etwas bewirken zu können, nicht sang- und klanglos unterzugehen. Das ist etwas Urmenschliches: Ich setze einen Punkt! Wenn es keine Antwort auf das "Warum" gibt, dann muss man sie selbst geben. Die beiden Frauen haben ihre Leerstellen - die Liebesbeziehungen; und sie wollen endlich sagen: Das ist uns gelungen. Es gibt ja nur drei Ereignisse im Leben, die solche Schwellenerfahrungen aufmachen: Geburt, Tod und Mutterschaft. Nur den Tod kann man selbst "handeln".

Hat man eine besondere Verantwortung, wenn man eine Uraufführung übernimmt?

Khodadadian: Die Arbeitsweise ist anders, aber nicht der Druck. Generell ist es bei zeitgenössischen Stücken so, dass man den Autor "killt", wenn man bei der Inszenierung etwas falsch macht. Aber der Regisseur würde sich auch selbst "killen". Es gibt natürlich die Betreuung durch die Dramaturgie - jetzt eine enge Zusammenarbeit. Ich gehe immer stark vom Text aus und versuche, aus ihm heraus eine Fantasie zu entwickeln - und nicht die Fantasie auf den Text zu pressen. Wenn einen das Drama nicht interessiert, sollte man es wegwerfen und selbst ein Projekt entwickeln. Ich habe viel mit Theresia Walser gesprochen, als erst Teile fertig waren. Sie weiß, was ich für einen Ansatz habe. Es gab einen starken Austausch. Ab den Proben war es aber so: Sie stellt den Text in die Welt hinein, und wir greifen ihn uns, sodass wir an unterschiedliche Perspektiven herankommen.

Es gibt die Konzentration auf nur drei Figuren. Was bedeutet das für die Arbeit mit den Schauspielern?

Khodadadian: Das hat Vorteile und Nachteile. Der Vorteil ist, dass man sehr kleinteilig, sehr fein mit den Kolleginnen arbeiten und eine sehr starke Beziehung aufbauen kann. Der Nachteil ist, man hockt jeden Tag aufeinander. Für die Schauspielerinnen der Hauptrollen, Barbara Melzl und Ulrike Willenbacher, ist es wahnsinnig anstrengend, denn sie sind ununterbrochen auf der Szene. Das ist für beide Teile, Schauspiel und Regie, strapaziös - sonst hat man mal andere Szenen, andere Plots. Das Tolle daran ist, dass man tiefer einsteigen kann.

Sie haben schon an vielen deutschen Theatern inszeniert. Was ist das Besondere am Staatsschauspiel?

Khodadadian: Ach, das weiß ich gar nicht. Man spürt, dass sich alle bemühen, dass die Rahmenbedingung so gut sind, damit wir ganz frei arbeiten können.

Hat sich Theresia Walser Proben angeschaut?

Khodadadian: Nein, sie kommt ganz kurz vor der Premiere. Während der Proben haben ich oder die Dramaturgin ihr berichtet. Es gab eine klare Verabredung: Sie gibt das Stück in unsere Hände. Zwischen ihr und mir besteht eine große Vertrauensbasis, denn wir haben uns viel übers Theater auseinandergesetzt. Theresia Walser mochte meine Kasseler Inszenierung ihres Dramas "So wild ist es in unseren Wäldern schon lange nicht mehr". Wir haben eine gemeinsame Sprache gefunden.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger

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