Wie man einen Witz malt

- Verlassene Häuser, krustige Erdoberflächen, apokalyptisch düstere Straßenzüge. Dann wieder durchwandert man die Landschaft. Es passiert nichts, außer dass man für die Stimmungen dieser seltsamen Szenarien äußerst sensibel wird. Drei Videoinstallationen sprenkeln in Details und Totalen diese rund zehn Kilometer lange Wanderung nicht als Ereignis in die drei Räume, sondern als zumeist bedrohliche, fragliche Grundzustände.

<P>1995 flüchteten die Einwohner nach eine Vulkanausbruch von der Karibikinsel Montserrat, 1998 hat Doug Aitken das verlassene Land auf einer schnurgeraden Linie durchwandert. Seine Aufnahmen steigern dieses eigenwillige Projekt zu einem allgemein gültigen, dem er eine neue Räumlichkeit im Base103 in der Münchner Sammlung Goetz gibt.<BR><BR>Mitunter erinnern die Szenen an eine Geisterstadt, mitunter an einen Krimi. Das Entscheidende aber ist, dass die Situationen nie greifbar sind, sondern auch in den Videoräumen durchwandert werden wollen. Was für "Eraser" gilt, gilt auch für die "I am in you" (2000), das einen weiteren Raum beherrscht. Kinderspiele gehen in Geflechtstrukturen über, eine Stimme suggeriert Unaufhaltsamkeit. Zwischendurch kann man eine albtraumhafte Geschichte um diese Mädchen auf der Leinwand ausmachen.<BR><BR>"Ich will nicht-entscheidende Momente, Nicht-Aktionen", sagt Aitken. "Vielleicht könnte sich dann die gefrorene Zeit ausdehnen und zusammenziehen." Dieses Postulat spürt man besonders bei den Fotografien: Auf den Kopf gestellt, zerstückelt, bekommen auch sie ein unerklärbares Eigenleben.<BR><BR>Vor 26 Jahren begann Richard Prince, Ausschnitte aus Werbeaufnahmen abzufotografieren. Er arbeitet im Magazin der New York Times, wo er Texte an die Urheber - ohne Foto - zurückschicken sollte. Das überflüssige Bildmaterial schwirrte herrenlos umher, bis Prince es weiterverwertete: Männer, die alle in die gleichen Richtung schauen; Frauen, die zu Boden blicken. Oder die berühmten Paare, schwarz und weiß oder Frau und Mann. Kontextlos, mit neuem Blickwinkel und neuer Autorenschaft, wurden diese Werke zu einem Stück moderner Kunst. Die Sammlung Goetz diskutiert mit der Retrospektive den Kunstbegriff und verweist auf die mittlerweile in allen Kunstbereichen zentrale Thematik der Wirklichkeitswahrnehmung. Mit der Wiederverwertung von Fotografien hat Prince also frühzeitig eine in der Medienkunst relevante Methode angewendet. In der 80er-Jahren fand er zum nächsten großen Thema: der Motorrad- und Bikerszene.<BR><BR>Ein intensiveres Ringen um Ausdruck kann man bei Prince in den "Jokes" finden. Kann man einen Witz malen? Dieser Frage ging der Amerikaner über Jahre hinweg nach, indem er Wiederholungen in verschiedenen Absätzen, in klarer Schrift und Farbe, zu gemalten Monumenten werden ließ. Teilweise reißt er die Sätze aus dem Kontext, in vielschichtigen Bildern bekommen sie ihr mitunter absurdes Eigenleben. Ähnlich verfährt Prince mit seiner Sammlung an Groschenromanen über Krankenschwestern, deren Abdruck des Titelbildes er verfremdet zu einem Stück Neonkultur.</P><P>Bis 7. Mai, Telefon 089/95 93 96 90.</P>

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