Stammstrecke Richtung Pasing: Lage normalisiert sich

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Einer der ganz Großen

- "Es ist wichtig, ein paar gute Lacher zu haben. Aber man muss auch ein bisschen leiden. Sonst finden Sie nie den Sinn des Lebens." - Schauplatz New York, East Village oder Central Park, im Hintergrund ertönt Jazz, vielleicht von Gershwin, vielleicht von Irving Berlin. Ein etwas älterer Mann, ein Intellektueller, spaziert mit einem jungen Mädchen herum. Die beiden reden, besonders der Mann.

Es geht um Bücher, um Philosophie und um Kino. Das Mädchen sagt Sätze wie: "Mit 13 war ich über Dostojewski hinaus." Der Mann erzählt, warum das Leben eine Katastrophe ist, wie er mit seiner Todesangst umgeht und berichtet von den Sitzungen bei seinem Therapeuten. Aber eigentlich will er das Mädchen küssen. Wenn es ihm nicht gelingt, gehen sie zusammen ins Kino. Vielleicht in einen Film von Bergman?

"Für euch bin ich ein Atheist, für Gott bin ich die loyale Opposition."

Woody Allen

Ab 1977 ist es dem Komiker Woody Allen, der morgen 70 Jahre alt wird, wie vor ihm nur Charlie Chaplin, gelungen, seinen eigenen Kosmos zu schaffen. Seitdem geht man "in einen Woody-Allen-Film", seitdem gehört er zu den ganz Großen. Auch wenn alles einmal nicht in New York spielt, wo Allen am 1. Dezember 1935 unter dem Namen Allan Stewart Koenigsberg geboren wurde, spürt man immer die Luft Manhattans.

Und ähnlich wie "Charlie, der Tramp" zum stehenden Begriff wurde, wurde es auch "Woody" - man hat sofort Allens Gesicht, die roten Haare, und die etwas altmodische Brille im Kopf und die Figuren, die Allen in seinen 41 Spielfilmen immer wieder selbst verkörperte: urban, intellektuell, jüdisch, atheistisch, zweifelnd, verklemmt, selbstironisch, im Praktischen unfähig, kurzfristig verführerisch für Frauen - und sei es nur, weil der Mann ihre Mutterinstinkte weckt.

Allens Elternhaus war bürgerlich geprägt, aber verarmt. Die Jahre, in denen er als Kind liberaler Juden und Schüler der hebräischen Schule aufwuchs, waren die des grassierenden Antisemitismus und des bekannt werdenden Holocausts. Trotzdem war es eine behütete Kindheit - Alltag im Viertel Flatbush, frühe Schwärmerei für Baseball und Kino, fürs Klarinettenspiel, Jazz und die täglichen Radioshows. In "Radio Days" hat er 1987 dieser Zeit ein wunderbares, nostalgisches Denkmal gesetzt.

Irgendwann fing er an, Gags für Zeitungen zu schreiben, und schnell erkannte man das Talent. Bereits mit 16 hatte er erste Engagements als Drehbuchautor und gab sich seinen Künstlernamen. Über zehn Jahre dauerte es bis zu ersten Auftritten als Stand-Up-Comedian. Sein Geheimnis war Unsicherheit, das Linkische, die Wendung seiner Selbstzweifel nach Außen. Seit Anfang seiner Karriere ist Allens Komik das Lachen über die Unfähigkeit, sich dem Alltag des Lebens anzupassen, ein Lachen, das diesen Alltag selbst infrage stellt.

Nach einigen Rollen unter der Regie anderer - z.B. 1965 mit Peter Sellers und Romy Schneider in "What's new, Pussycat?" - drehte er seit 1967 selbst Filme. Das erste Jahrzehnt war das der Absurdität und groben Gags. Zivilisationskomödien ("Schläfer"), Parodien ("Bananas"), Grotesken ("Die letzte Nacht des Boris Gruschenko") zeigen, dass Allen noch seinen Stil suchte. Ihn fand er in "Der Stadtneurotiker" (1977), der mit vier Oscars sein bis heute erfolgreichster sein sollte. Zu dieser Zeit begann die zehnjährige Zusammenarbeit mit Kameramann Gordon Willis, bevor dieser von Carlo Di Palma abgelöst wurde.

Unmöglich kann man die Vielfalt seiner Filme auf eine Formel bringen. Nie sind sie nur Komödien, mitunter hochtraurig ("Innenleben") oder zynisch ("Verbrechen und andere Kleinigkeiten"). Auch formal sprengt Allen mit kleinsten Mitteln die Grenzen: Mal kommentiert ein antiker Theater-Chor die Handlung ("Mighty Aphrodite"), mal ist eine Figur den ganzen Film über unscharf, weil Allen die These vom Verschwinden des Autors parodieren will ("Deconstructing Harry").

Mit unzähligen großen Stars hat er zusammengearbeitet, vielen von ihnen zum Oscar oder anderen Preise verholfen. Nach wie vor dreht Allen pro Jahr mindestens einen Film. Und bleibt der philosophischste aller Filmemacher, in der Tradition der großen Komödiendichter ein Skeptiker, nicht nur persönlich immer den Abgründen nahe und darum uns alle treffend.

Vittorio Hösle: "Woody Allen.

Versuch über das Komische". dtv, München, 8,50 Euro.

Stephan Reimertz: "Woody Allen".

rororo-Monographie, Rowohlt, Reinbek, 8,50 Euro.

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