Mit einer gewissen Heiterkeit

- Das Jüdische Zentrum München, mit Synagoge und Gemeindehaus jetzt schon ein Ziel für viele Interessierte, vollendet sich am 22. März. Dann wird das Jüdische Museum (JMM) eingeweiht. Ebenfalls von dem Saarbrücker Architektenbüro Wandel Hoefer Lorch entworfen, hat es 900 Quadratmeter.

Bernhard Purin (1963 in Bregenz geboren), der zuvor in Fürth das Jüdische Museum Franken geleitet hatte, wurde 2003 von der Stadt München zum Gründungsdirektor berufen. Sie zeichnet verantwortlich für das JMM.

Sie hatten zwar ein provisorisches Vorläufer-Museum in der Reichenbachstraße 27, dem ehemaligen Domizil der Israelitischen Kultusgemeinde, dennoch mussten Sammlung und Konzept des neuen Museums von Null an entwickelt werden. Was war daran schwierig, was angenehm?

Bernhard Purin: Eigentlich war gar nichts problematisch. Wir haben nur eine kleine Sammlung, deswegen bespielen wir zwei Drittel der Fläche mit der Wechsel- und nur ein Drittel mit der Dauerausstellung "Stimmen. Orte. Zeiten". Es gibt bei ihr keine feste Chronologie, sondern sieben Themen-Stationen, in die zum Teil künstlerische Arbeiten integriert sind. Es geht zum Beispiel um das Ankommen in München; Orte, Rituale, Bilder eines jüdischen München, die bis in unsere Tage reichen ­ vom Olympia-Attentat etwa die Witwe von André Spitzer (Fechtmeister, Anm. d. Red.). Aber ich will nicht alles verraten. Wir beziehen uns sehr stark auf München, wollen jedoch allgemeingültige Aussagen machen. Die Schau ist so konzipiert, dass sie für Erwachsene, aber auch für Kinder und Jugendliche spannend ist.

Aber so ganz ohne "Grundlage" auszukommen, ist doch schwer?

Purin: Es ist heute kaum mehr möglich, eine Sammlung mit Kultgegenständen aufzubauen, denn da sind Sie sehr schnell in der Zone der Raubkunst. Die Provenienzen sind meist mit dem Holocaust verbunden. Wir bekommen stattdessen langfristige Leihgaben. Von Harry Beyer Judaica ­ 101 Objekte; aus einer Münchner jüdischen Privatsammlung zusätzlich 250 Gegenstände; oder Dinge von russischen Zuwanderern. Da hat zum Beispiel ein Vorfahre aus Estland Grafiken von Künstlern wie Chagall gesammelt. Aus dieser Quelle stammt auch eine illustrierte Schriftrolle des Hohen Liedes: Und diese Künstler hatten einst in München studiert… Wir kriegen auch schöne Kleinigkeiten, etwa den Porzellanpfeifenkopf mit dem Porträt Kurt Eisners.

Wie wird sich das Jüdische Museum München von anderen jüdischen Museen unterscheiden?

Purin: Das Besondere ist unter anderem, dass das Münchner Jüdische Museum neben Berlin das einzige in Europa ist, das einen Neubau bekommen hat. Wie bei allen anderen jüdischen Museen wird die Geschichte der Verfolgung in der einen oder anderen Form präsent sein. Gleichzeitig wollen wir den Besuchern aber auch mit einer gewissen Heiterkeit begegnen, wobei wir bei unseren Ausstellungen ­ wenn immer möglich ­ von München und seiner Geschichte ausgehen wollen. Wir haben aber festgestellt, dass sich Themen für viele Jahre bieten.

Die Ausstellungen sollen sich ständig ändern, so in der Ankündigung, damit "immer neue Fragen der Gegenwart und Zukunft aus dem Wissen des Vergangenen heraus" gestellt werden können. Was sind das für Fragen?

Purin: Das sind generelle Probleme wie Migration und kultureller Austausch. Das ist heute nach wie vor aktuell. Auch das Ankommen der Juden im München des 19. Jahrhunderts. Diese Erfahrung teilen die meisten jetzigen Münchner ­ wer ist schon hier geboren?!

Die beiden ersten temporären Präsentationen werden unter dem Stichwort "Sammelbilder" zusammengefasst. Warum sind diese Münchner jüdischen Sammler für uns heute interessant?

Purin: Unter "Sammelbilder" wird es in diesem Jahr sogar acht Präsentationen geben.

Das ist ganz schön viel.

Purin: In unserem Eröffnungsjahr wollen wir durch den dichten Ausstellungsreigen deutlich machen, dass wir in der Münchner Museumslandschaft angekommen sind.

Sammeln hat mit Aneignen und Enteignen zu tun ­ und mit Raubkunst. Wir erinnern mit den beiden Start-Ausstellungen an die Majolika- und Renaissance-Silber-Sammlung von Alfred Pringsheim, dem Schwiegervater von Thomas Mann, und die Judaica-Sammlung der Wittelsbacher: Die Objekte waren ja verfügbar durch die Vertreibungen der Juden von 1444 an. Pringsheim wurde von den Nazis erpresst, die Majolika-Werke in London versteigern zu lassen. Um die "Reichsfluchtsteuer" zu zahlen. Vom Erlös der Auktion konnte er nur 20 Prozent behalten. Das Silber beschlagnahmten die Nazis. Es kam ins Bayerische Nationalmuseum. 1945 schafften es die Amerikaner in den Collecting Point im ehemaligen Partei-Verwaltungsbau: Der steht auf dem Platz des abgerissenen Palais Pringsheim!

Und wer sind die übrigen Münchner Sammler?

Purin: Die Brüder Wallach mit ihren Trachten; Kunsthändler Otto Bernheimer; Galerist Heinrich Thannhauser; der Zahnarzt Feuchtwanger, der über Land fuhr, um jüdische Volkskunst zu entdecken; außerdem Judaica-Sammlungen heute; und abschließend künstlerische Reflexionen über das Sammeln.

In Ihrem Konzept taucht immer wieder auf, dass Kunst stark miteinbezogen wird.

Purin: Es gibt viele jüdische Identitäten. Das wird in der Kunst besonders deutlich. Ich will einer zu einengenden Definition von "Jüdisch" entgehen. Klar, die Religion ist wichtig, aber nicht sie allein.

Gibt es überhaupt eine speziell jüdische Kunst?

Purin: Es gibt ein jüdisches Empfinden in der Kunst. Es wird vor allem aus der Erfahrung der Diaspora gespeist und der Shoah.

Sind Sie mit den Räumlichkeiten, überhaupt mit den hiesigen Gegebenheiten für Ihre Museumsideen zufrieden?

Purin: Als ich dazustieß, stand bereits die Planung für ein relativ kleines Museum fest. Aber durch den Einsatz der Kulturreferentin Lydia Hartl ist es gelungen, den unterirdischen Bunker für das Museum zu nutzen. Dadurch ist die Gesamtfläche fast verdoppelt worden. Außerdem hat der Stadtrat entschieden, dass die Verwaltungsräume nicht mehr im Gebäude sind. So vermögen wir jetzt im Museum Bereiche anzubieten, in denen die Menschen die Informationen vertiefen können.

Schon jetzt zieht der neue Jakobs-Platz viele Menschen an. Wie kann das Ihr Haus nutzen?

Purin: Ja, wir haben den Vorteil, dass die Jüdische Gemeinde in unmittelbarer Nähe ist und ein gut eingeführtes Museum, das Münchner Stadtmuseum, mit dem wir hervorragend zusammenarbeiten. Dank der Architektur des offenen Foyers wird es uns leichtfallen, die Besucher hereinzulocken. Wir merken jetzt schon an den Nasen-Abdrücken an der Glasscheibe, dass die Menschen gespannt aufs neue Museum sind.

Infos zum Museum

Einweihung: 22. März.

Adresse: St.-Jakobs-Platz 16.

Tel. 089 / 233-28 189

www.juedisches-museum-muenchen.de

Eintrittspreise: regulär 6 Euro, bei Ermäßigung die Hälfte, Jahreskarte 20 Euro.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle: Die Konzert-Kritik
Am Freitagabend ist DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle aufgetreten. Hier lesen Sie die Konzert-Kritik.
DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle: Die Konzert-Kritik
Kammerspiel-Abend für Deniz Yücel
Journalisten, Schauspieler und Kulturschaffende lesen in den Münchner Kammerspielen Texte des inhaftierten Deniz Yücel. 
Kammerspiel-Abend für Deniz Yücel
Chris de Burgh in der Philharmonie: Ein lieber netter Kerl
Schlechte Nachrichten für alle, die glauben, Chris de Burgh könne nur die Schnulze „Lady in Red“, das im Radio rauf und runter genudelt wird.
Chris de Burgh in der Philharmonie: Ein lieber netter Kerl
Comic Con München: Diese „Game of Thrones“-Stars sind dabei
Dieses Jahr findet die Comic Con in München statt. Zum ersten Mal kommt die Comic-Messe damit auch nach Bayern. Welche Stars kommen und wo sie stattfindet, erfahren Sie …
Comic Con München: Diese „Game of Thrones“-Stars sind dabei

Kommentare