Einer der großen Porträtisten Amerikas

- Leben und Werk des Filmregisseurs Elia Kazan, der jetzt in New York mit 94 Jahren gestorben ist, sind von einem scheinbaren Widerspruch geprägt: Die Bilderbuchkarriere eines Einwandererkindes, das es aus eigener Kraft zu Weltruhm bringt und immer mit seiner Umwelt hadert; das verstoßen und wieder mit offenen Armen aufgenommen wurde; gegen Hollywood ankämpfte und doch das Bild wesentlich prägte, das heute vom US-Kino in unseren Köpfen sitzt.

<P>"Endstation Sehnsucht", "Die Faust im Nacken", "Jenseits von Eden" - einige der wichtigsten und besten US-Filme der 50er-Jahre stammen von Kazan.</P><P>Zunächst deutete nichts auf diesen Weg hin: Am 7. September 1909 noch im Osmanischen Reich geboren, Sohn eines Teppichhändlers, 1913 nach New York emigriert. Dort wuchs Kazan in armen Verhältnissen auf. Schnell arbeitete er sich in der New Yorker Theaterszene hoch. Bald gab es Angebote der Studios, Auftragsfilme. Doch schon zeigte sich Kazans Distanz zur Werteordnung Hollywoods: "Tabu der Gerechten", der ihm 1947 den ersten Oscar einbrachte, entlarvte kurz nach Kriegsende den Antisemitismus, den es auch in den USA gab.</P><P>Im selben Jahr entschied Kazan, sich dem Druck der Industrie nicht zu beugen. Er ging nach New York und beschloss, ohne Stars und Studiokulissen, vor Ort und mit unbekannten Darstellern zu arbeiten. Bevor es den Begriff überhaupt gab, war Kazan ein früher Vertreter des Autorenfilms. Und der Entdecker von Marlon Brando, James Dean, Karl Malden, später noch Warren Beatty, die alle bei ihm ihre ersten Auftritte hatten. Seine Filme der folgenden Jahre, seiner kreativsten Zeit, waren so erfolgreich, wie anstößig. Alle provozierten den Mainstream. Dazwischen aber liegt die fragwürdigste Phase in Kazans Leben.</P><P>1952, in der Zeit der "Hexenjagd" McCarthys verriet Kazan Kollegen an die rechten Häscher. Später verteidigte er sich: "Ich habe mich für den Antifaschismus und die Wahrung der Rechte des Individuums engagiert." Manche haben ihm dies bis heute nicht verziehen. Noch bei der Verleihung des Life Achievement Award 1999 versagten ihm einige den Applaus. Andererseits gewann er mit "Die Faust im Nacken" bereits zwei Jahre nach den umstrittenen Aussagen acht Oscars.</P><P>Kazan ist einer der großen Porträtisten Amerikas. Wo andere sich ins Interieur zurückzogen und dort vom Zerfall aller bürgerlichen Moral und dem Zusammenbruch der Familie erzählten, ging er immer wieder hinaus und entdeckte die anderen Seiten der USA. In seinem letzten Film schloss Kazan dann mit dem alten Hollywood, mit dem er so oft im Clinch gelegen hatte, Frieden und schuf ihm eines der anrührendsten Denkmäler: 1976 verfilmte er F. Scott Fitzgeralds "The Last Tycoon". Ein Film ganz auf der Höhe seiner Gegenwart und doch in einer Klassizität von Bildern und Handlung aus einer anderen Zeit. "In der amerikanischen Gesellschaft", sagte Kazan einmal, "kann man nur Revolutionär werden oder Gangster". Ein guter Künstler muss wohl ein wenig von beidem haben.</P><P> </P>

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