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„Lüna-Pop“ nennen die Schwestern Elisabeth (li.) und Marlene Schuen (Mi.) sowie Cousine Maria Moling ihre Musik.

Aus einer ladinischen Laune heraus

München - Die drei Südtiroler Sirenen von Ganes über ihr neues Album, Singen im Liegen und Blubbern im Chor.

Vor vier Jahren betörten drei sagenhaft talentierte Südtirolerinnen die Musikwelt mit ihrer ersten CD „Rai de Sorëdl“ („Sonnenstrahl“). Die Schwestern Elisabeth und Marlene Schuen sowie deren Cousine Maria Moling nannten sich „Ganes“ (nach den Wassernixen in den Dolomiten-Mythen) und sangen ihre Lieder auf Ladinisch, ihrer vom Aussterben bedrohten Muttersprache. Heute erscheint bereits ihr viertes Album „Caprize“, der aktuelle Anlass für unser Gespräch mit Marlene und Maria in einer Sendlinger Trattoria.

„Das ladinische Wort Caprize steht für die Laune, sich frei von Normen zu bewegen“, erklärt Marlene, „ähnlich wie bei einer Caprice oder einem Capriccio in der klassischen Musik, wo der Komponist sich nicht an strenge Regeln halten muss“. Eine Laune, die beim Zuhörer ordentlich Laune macht: Die zauberhafte, überraschende neue Ganes-CD entzieht sich tatsächlich allen Konventionen. „Lüna-Pop“ nennen die Südtiroler Sirenen ihre eigenwillige, sogkräftige Musik – nach dem ladinischen Wort Lüna, das treffenderweise nicht nur Mond bedeutet, sondern ebenfalls Laune: „Wenn bei uns jemand den Blues hat, dann hat er Lüna“, lacht Maria.

Der Grundstock für „Caprize“ wurde in einem Giesinger Proberaum gelegt, im Sommer 2013, als das Trio noch in München lebte. Nachdem Marlene nach Berlin und Elisabeth nach Österreich umzogen, schrieben die drei Ganes-Grazien unabhängig voneinander weiter an den Liedern. Im Februar dieses Jahres trafen sie sich in ihrem Heimatort La Val im Gadertal, um die Songs zu verfeinern und Demo-Versionen aufzunehmen – im Probenraum des Kirchenchors, in dem sie einst gesungen hatten. „Manchmal bekamen wir dort Besuch von den Kindern, die nebenan auf dem Fußballplatz spielten und sehen wollten, was wir da machten“, berichtet Maria. „So konnten wir schon früh vor Publikum üben.“

Aufgenommen wurde das Album in Berlin, der Kontrast zwischen dem Dolomiten-Dorf und der Metropole prägt auch die Lieder – traditionelle Instrumente wie Geige, Klavier, Gitarre und Hackbrett treffen auf elektronische Sounds. Dabei strebten Ganes ein möglichst warmes Klangbild an: „Wir haben mit dem TR-808 gearbeitet, einem Drumcomputer aus den Achtzigerjahren, der weiche, analoge Percussion-Klänge liefert“, erläutert Marlene. „Unsere Mikrofone haben zudem Nebengeräusche eingefangen, die für eine behagliche Atmosphäre sorgen. Auch das Klavier tönt sanft und gedämpft – es ist ein uraltes Oma-Piano, das wir von dem Songpoeten Max Prosa ausgeliehen hatten und dreimal nachstimmen lassen mussten.“

Getreu dem Albumtitel „Caprize“ nahmen sich Ganes bei den Aufnahmen viele Freiheiten: „Weil das Lied ,Va inant‘ (,Schau vorwärts‘) ein bisschen lazy und relaxed klingen sollte, haben wir es einfach im Liegen eingesungen“, gesteht Maria. „Und um in unserem Meerjungfrauen-Song ,Sirena‘ Unterwasser-Stimmung zu erzeugen, haben wir uns mit Wassergläsern und Strohhalmen hingesetzt und im Chor geblubbert.“ Am Verblüffendsten dürfte „Bang Bang“ sein, dieses Lied hat ausnahmsweise keinen ladinischen Text. „Es klingt nach Englisch, ist aber ein reiner Quatsch-Text“, erläutert Marlene. „Mit diesem Spaß-Song haben wir uns an unsere Kindheit erinnert, als wir Hits im Radio gehört und naiv irgendeinen Blödsinn mitgesungen haben, weil wir kein Englisch konnten.“ Tatsächlich könnte das Stück auch von einer japanischen Gaga-Girlie-Gang stammen: „Es hört sich fast so an wie meine asiatischen Mitbewohnerinnen beim Karaoke“, meint Maria. Ihre Cousine Marlene träumt seit Längerem davon, mit Ganes eines Tages in Japan aufzutreten.

Doch nun freuen sich die drei erst einmal darauf, ihre neuen Songs dem deutschen Publikum zu präsentieren. Damit Maria auf der Bühne im Stehen Schlagzeug spielen kann, hat ihr Onkel eine Bass-Drum-Konstruktion gebastelt. „Die Liebe zur Musik verbindet die Menschen in unserer Heimat“, sagt sie. „In La Val gibt es viele gute Chöre und Kapellen. Allerdings kommt kaum jemand auf die Idee, die Musik zum Beruf zu machen.“ Oft bekämen sie daheim zu hören: „Wie schafft ihr das nur, ständig unterwegs zu sein? Ich könnte das nie!“ Für ihren Vater seien schon 50 Kilometer eine riesige Entfernung, erzählt Maria. „Einmal rief er mich in Berlin im Studio an und fragte: ,Na, wie geht’s euch in Russland?‘“ Aus der dörflichen Enge hinaus in die große weite Welt: Ganes haben einen langen Weg zurückgelegt. Mit „Caprize“ sind sie endgültig in ihrem eigenen Klang-Kosmos angekommen.

Marco Schmidt

Konzerte

am 15. und 16. November im Münchner Volkstheater;

Telefon 089/ 54 81 81 81;

weitere Termine unter

www.ganes-music.com.

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