Einer der letzten Universalgelehrten

- Nicht nur seine Familie, sondern auch Wissenschaftler trauern: Carl-Friedrich von Weizsäcker ist am Samstag im Alter von 94 Jahren nach langwieriger Krankheit gestorben. Weizsäcker galt als einer der letzten deutschen Universalgelehrten. Sein Fach war neben der Atomphysik auch die Philosophie. Auf beiden Gebieten forschte und lehrte er.

Weizsäcker koordinierte seinen Forscherdrang mit der Grundüberzeugung, dass Wissenschaftler eine politische Verantwortung tragen. Seine Mitwirkung am deutschen Atomprogramm während der Nazi-Zeit empfand er unter dem Eindruck der Atombomben-Abwürfe auf die japanischen Städte Hiroschima und Nagasaki als große Schuld. 1945 in England mit anderen deutschen Physikern interniert, erfuhr Weizsäcker von den grausamen Folgen. So empfand er es als "göttliche Gnade", dass der Bau einer Bombe in Deutschland technisch nicht zu realisieren war. Er habe mitgemacht, um politisch Einfluss nehmen zu können. "Es wäre tödlich schief ausgegangen."

Kurz nach der Ernennung von Franz Josef Strauß (CSU) zum Bundesverteidigungsminister engagierte er sich gegen eine atomare Bewaffnung der Bundeswehr. In dem überwiegend von ihm formulierten "Manifest der Göttinger Achtzehn" erklärten namhafte Physiker damals, sich für Deutschland nicht "an der Herstellung, Erprobung oder dem Einsatz von Atomwaffen zu beteiligen".

In die Politik wechselte der Wissenschaftler trotz Angebote aber nicht. 1964 und 1979 schlug er eine Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten aus. Dieses Amt überließ er dem jüngeren Bruder. Richard von Weizsäcker war von 1984 bis 1994 Bundespräsident und damit auch das erste Staatsoberhaupt des vereinten Deutschlands.

Carl Friedrich von Weizsäcker wurde 1912 in Kiel als Sohn des Diplomaten Ernst von Weizsäcker geboren. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann er als Schüler von Werner Heisenberg und Niels Bohr, als Mitarbeiter von Otto Hahn und Lise Meitner. Internationale Anerkennung als Atomphysiker erhielt er durch die nach ihm benannte Weizsäcker-Formel für die Energiesubstanz der Atomkerne. 1957 folgte er einem Ruf nach Hamburg, um Philosophie zu lehren, für ihn die glücklichste Lebenszeit. Seine Studenten bewunderten seine völlig freie, klare und eindringliche Redeweise.

Von 1970 bis 1980 leitete Weizsäcker das Starnberger Max-Planck-Institut zur interdisziplinären Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technichen Welt. Für ihn war es ein "Institut für unangenehme Fragestellungen". Die Schließung der Einrichtung nach seinem Rückzug schmerzte den Wissenschaftler: "Das hieß eben doch, dass die Aktualität der Probleme und der interdisziplinären Forschung nicht gesehen wurde."

Konstanz in seinem wechselvollen Leben brachte Weizsäcker die Ehe mit Gundalena. Mit der Schweizer Historikerin war er 63 Jahre lang verheiratet. Auf die große Familie mit vier Kindern zahlreichen Enkeln und Urenkeln war er stolz.

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