Einfach den Komponisten sprechen lassen

- Bei der Bezeichnung "Pultstar" würde er abwinken. So fühlte er sich nie, doch er ist's: einer der größten, wichtigsten, stilprägendsten Dirigenten unserer Zeit, der der Münchner Oper von 1971 bis 1992 eine der glücklichsten Epochen ihrer Geschichte bescherte. Wolfgang Sawallischs Wagner-, Strauss-, Mozart-, aber auch Puccini- oder Rossini-Dirigate sind legendär. Wer seinen "Tristan" oder "Figaro" erlebt hat, ist rettungslos verdorben für andere Interpretationen. Am Dienstag feiert der gebürtige Münchner seinen 80. Geburtstag.

<P>Sawallisch absolvierte die klassische "Ochsentour", begann als Korrepetitor, kam über Augsburg, Aachen, Wiesbaden und Köln nach München. Er stand am Pult aller First-Class-Orchester, in Japan wird er wie eine musikalische Ikone verehrt. Nach dem Abschied von der Isar sagte Sawallisch der Oper für immer Adieu und leitete zehn Jahre lang das Philadelphia Orchestra.</P><P>"Willkommen zu Hause" wurde bei Ihrem jüngsten Konzert im Nationaltheater gerufen. War's denn eine Heimkehr?<BR>Sawallisch: Das kann man so nicht sagen. Ich habe ja seit meinem Weggang 1992 schon ein paar Konzerte hier gegeben - auch wenn immer mindestens zwölf Monate dazwischen lagen. Aber für mich ist natürlich das Nationaltheater eine Heimat geworden.</P><P>Philadelphia auch?<BR>Sawallisch: Diese zehn Jahre, die ich dort als Musikdirektor gearbeitet habe, beinhalteten drei große Ereignisse: den 100. Geburtstag des Orchesters, den Übergang ins neue Jahrtausend, der mit dem Ensemble auf besondere Art gefeiert wurde, und drittens der Einzug in die neue, eigene Konzerthalle. Wenn ich nächstes Jahr zu Konzerten nach Philadelphia reise, ist das also auch eine Art Rückkehr in die - amerikanische - Heimat.</P><P>Was können die Europäer vom amerikanischen Musikleben lernen?<BR>Sawallisch: Es gibt völlig verschiedene Orchesterstrukturen. Dort eine auf Sponsorentätigkeit beruhende Existenz, in Deutschland kümmert sich die öffentliche Hand um die Kultur. Das hat den Nachteil, dass der Fiskus in schwierigen Zeiten dort den Rotstift ansetzt, wo er glaubt, dass es den geringsten Widerspruch gibt. Also bei der Kultur. Amerikaner wollen durch ihr impulsives Verhalten die Kultur privat unterstützen. Dadurch gibt es eine ganz andere, intimere Verbindung zwischen Zuschauerraum und Bühne.</P><P>Ihr Entschluss, nicht mehr Oper zu dirigieren, hat seinerzeit viele enttäuscht . . .<BR>Sawallisch: Bis heute, bis zur Minute dieses Gesprächs habe ich den Entschluss nicht bereut. Das war ein so schöner Lebensabschnitt. Vor allem die über 20-jährige Arbeit an der Bayerischen Staatsoper ist verbunden mit wunderbaren Erinnerungen, bei denen ich nicht glaube, dass ich sie zurückholen oder überbieten könnte.</P><P>Nicht einmal ein konzertanter Opern-Seitensprung?<BR>Sawallisch: Nein. Die Oper in konzertanter Form hat für die Werke keinen Sinn, die sowieso auf dem Spielplan stehen. Gerade die Kombination Akustik/Optik macht ja die Oper in ihrer ganzen Vielfältigkeit aus. Ich akzeptiere Konzertantes höchstens bei Stücken, die szenisch schwer umzusetzen sind.</P><P>Sie haben in München oft in einer Woche fünf Abende dirigiert. Wie schafft man denn das? Gibt es, das meint ein derzeit in München aktiver Kollege, so etwas wie Erholung beim Dirigieren?<BR>Sawallisch: Na, da möchte ich meine Bedenken anmelden. Zurückgelehnt habe ich mich nie - nach dem Motto: Jetzt lässt er den Apparat laufen und freut sich übers Schöne, was da rauskommt. Es ist eine Freude und Genugtuung, wenn auf der Bühne etwas Gelungenes passierte - aber keine Erholung.</P><P>Es scheint ein Widerspruch zwischen Ihren glutvollen Interpretationen und Ihrem sehr kontrollierten Auftreten zu bestehen. Führt man als Dirigent etwa ein Dopelleben?<BR>Sawallisch: Nein. Das hab' ich in ganz jungen Jahren gelernt: Als Dirigent braucht man im besten Sinne Disziplin. Ich bin nicht der Typ, der etwas dem Zufall überlässt. Ich möchte alles sehr impulsiv, aber doch kontrolliert haben. Ich glaube, dass die Disziplin eine unabdingbare Voraussetzung ist, um Zusammenhänge zu überblicken.</P><P>Also Demut vor der Musik.<BR>Sawallisch: Natürlich. Ein Finale zweiter Akt von Mozarts "Nozze di Figaro" ist so gigantisch, von höherer Seite eingegeben, dass man nur bewundernd davor stehen und es nur in äußerster Kontrolle, Kenntnis des Werks und allergrößter Hochachtung gestalten kann. Also nichts dazu tun, was nicht dazugehört. Einfach den Komponisten sprechen lassen.</P><P>Hat Sie es manchmal gestört, dass Sie ausschließlich als Experte für Münchens Hausgötter Mozart, Strauss und Wagner angesehen wurden? Ihr hiesiger Puccini, auch das kürzliche Verdi-Requiem in Ottobeuren haben das doch eindrucksvoll widerlegt.<BR>Sawallisch: Ich habe öfter darüber nachgedacht, ob bei mir das italienische Fach zu kurz kam. Vor meiner Münchner Zeit hatte ich den gesamten Verdi dirigiert. Ausnahme "Traviata", die mir einfach nie untergekommen ist. Ich liebe Verdi, zumal ich auch sehr gut italienisch spreche und verstanden habe, warum diese oder jene Phrase so komponiert wurde. Bei den 70 Münchner Opernabenden pro Jahr hätte ich mich aber von manchem aus meinem Säulen-Repertoire trennen müssen. Einen "Figaro" oder "Giovanni" abgeben? Ich dachte nicht daran! Und wer verzichtet schon auf eine "Schweigsame Frau", die er selbst einstudiert hat, bloß, damit er morgen eine "Tosca" dirigieren kann?</P><P>In Ihrer Münchner Zeit ist ja nicht alles glatt gelaufen. Grollen Sie noch?<BR>Sawallisch: Überhaupt nicht. Alles ist organisch und richtig verlaufen. Über Spielplan-Gestaltung kann man immer verschiedener Meinung sein.</P><P>Was hat Sie in Ihrer Karriere am nachhaltigsten geprägt?<BR>Sawallisch: Ich empfinde einen gewissen Stolz, dass ich alle 13 Wagner-Opern dirigiert habe. Und das alles innerhalb einer Spielzeit. Auch dass ich einmal in einem Münchner Zyklus den gesamten Strauss gebracht habe _ und damit bewiesen habe, dass die Spätwerke nicht "nur" Spiegelreflexe früherer Stücke sind, sondern eigenständige Kompositionen eines genialen Komponisten.</P><P>Und wann sehen wir Sie wieder in München?<BR>Sawallisch: Das weiß ich noch nicht. Es wurden Wünsche geäußert, aber noch keine Daten festgelegt. Von mir aus immer gerne.</P><P>Das Gespräch führte Markus Thiel<BR></P>

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