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Udo Jürgens war einfach schon immer da - gerade wieder in der Olympiahalle.

Udo Jürgens begeistert die Olympiahalle

Kein Superstar im Trockeneisnebel, sondern ein Smokingträger mit Klasse: Udo Jürgens begeistert in der Münchner Olympiahalle.

Eine Zeit gab es, da hießen die Tourneen "Udo 72" oder "Udo 73". Und kein Mensch konnte ahnen, dass irgendwann nicht mehr Jahreszahlen gemeint sein könnten, sondern die Lenze des Stars. Acht Jahre nach dem selbstbesungenen Lebensbeginn ("Mit 66 Jahren") sitzt Udo Jürgens also in der nahezu ausverkauften Olympiahalle noch immer am Flügel. Der ist nun nicht mehr durchsichtig, sondern schwarz.

Hinter ihm swingt die Pepe-Lienhard-Band, von der aus gemeinsamer Vorzeit nur noch der ergraute Leader übrig geblieben ist. Und die mitgereiften Fans verzichten mittlerweile auf den Schlüpferweitwurf, preschen dafür auf den Code-Song ("Ich war noch niemals in New York") nach vorn, um sich immerhin noch manch Handtaschen-Gefecht mit den Ordnern zu leisten. Beweisen muss sich der Mann nichts mehr. "Einfach ich", der Tournee- und aktuelle Hit-Titel, ist folglich Programm. Kein Bühnenspektakel, dafür ein paar raffiniert überblendete Videos. Kein Superstar im Trockeneisnebel, sondern ein Smokingträger, der sich gelegentlich vom Klavierhocker für ein paar Tanzschritte erhebt. Und vor allem: keine Dezibel-Detonationen, sondern immer dieser gepflegte, saftig-satte Big-Band-Sound - sollte, liebe Durchreise-Rocker, die Halle womöglich doch keine Akustikhölle sein?

Udo war nicht nur schon immer da, ein Phänomen, an dem sich der deutsche Songfreund Jahr um Jahr wie am musikalischen Lagerfeuer wärmt, er hat’s auch immer gewusst. Mit Oldies wie "Alles im Griff" oder dem "Narrenschiff" bietet Jürgens die Show zur Krise. Und für manchen Geschmack eine arg ausgedehnte Ökopathos-Langstrecke, wo doch alle Welt nur auf die Reißer wartet.

Als Durchhaltesong Aktientief gibt’s "Die Schwalben fliegen hoch". Und mögen auch Tausende auf engen Klappstühlen das Rund bevölkern: Ob der perfekt arrangierten Nummern und des gepflegten Understatements ist bald der Un-Ort vergessen. Der Zuhörer wähnt sich im Jazz-Club mit Udo, greift versonnen neben sich zum Whiskey on the rocks - und blickt verdutzt aufs Löwenbräu im Plastikbecher. Längst ist Herr Bockelmann ja zur (besseren?) Deutsch-Austria-Version von Sinatra geworden. Der Block mit New-York-Songs hat konkurrenzlose, internationale Klasse. Und Jürgens, klug genug, überlässt die US-Hits den mitgebrachten farbigen Sängern, bleibt ganz der bescheidene Kollege am Klavier.

Nach zweieinhalb Stunden, endlich, die Vollversion vom "Ehrenwerten Haus". Das Publikum tobt programmgemäß, schnappt noch gierig nach dem Medley von "Aber bitte mit Sahne" über den "Griechischen Wein" bis "Aber bitte mit Sahne" und erhält als Nachschlag das gewohnte Bademantelfinale mit Udo pur. Steppen will er jetzt noch lernen, das sei doch viel gesünder als Aerobic. Vorsicht, Jopie, da naht Konkurrenz.

Markus Thiel

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