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In der rotgoldenen Identitätsfalle: Anstaltsinsasse Jörg Ratjen (Mi.) glaubt, er sei Franz Josef Strauß.

Die eingebildete Pranke

München - Eine schräge, etwas hölzerne Auseinandersetzung mit Franz Josef Strauß gab es am Wochenende im Cuvilliés-Theater zu sehen. Hier die Kritik zur Uraufführung von „Halali“:

Der hellblaue Brokatvorhang im Münchner Cuvilliés-Theater gibt einen kleinen Durchschlupf frei; am Boden entdeckt man ein wenig weißblauen Rauten-Müll, wie er nach einer zünftigen Bayern-Fete wohl übrig bleibt. Und dann schiebt sich, Geweih voraus, ein nackter Hirschmensch vors Publikum, das auf die Uraufführung von Albert Ostermaiers Stück „Halali. Ein Mann in seinen Widersprüchen“ wartet. Die zweite Inszenierung unter der neuen Staatsschauspiel-Intendanz von Martin Ku(s)ej. Dem jungen Zehnender folgen noch drei weitere Rotwild-Wesen, die so gar nicht dem röhrenden Stolz der Wälder entsprechen. Die vier skandieren nun einen alten Regelkanon, wie man waidgerecht den Hirsch aufbricht. Und an den blutigen Plastikschürzen ist zu erkennen, dass wir Jäger und Gejagte in Personalunion vor uns haben.

Regisseur Stephan Rottkamp weicht mit diesem griffig-pfiffigen Einstieg von Ostermaiers Anfang ab und gibt zugleich mit diesem Motto den Zuschauern eine praktikable Hilfestellung. Denn das Drama um die Person Franz Josef Strauß, die ein angeblich psychisch Gestörter allen vorgaukelt, ist ein assoziatives Bruchsteinmauerwerk aus Lebensdaten von Wirtschaftskompetenz bis Kohl-Hass, von Pinochet-Besuch bis zum Flug nach Moskau, von Liebesaffäre bis zum Herzinfarkt auf der Jagd (1988). Dazu kommen mitunter satirische Sottisen und Kalauer à la Jelinek. Dazu kommen Querverweise aufs Theater an sich und im Besonderen. Dazu kommt noch ein gerüttelt Maß an Vater-Komplexen (stärkstes Motiv) und Verfolgungswahn. Ein wildes Potpourri also. Umso beeindruckender, wie Regisseur, Schauspieler, die Ausstatter sowie der Monaco Hansi & The Original Royal Bavarian Deep Beat Heart Rock Orchestra dieses Mauerwerk in ein quicklebendiges, schräg-bayerisches Bühnen-Biotop verwandeln. Die Musik zwischen „Kir-Royal“-Seligkeit und treibendem Beat hat dabei nicht den kleinsten Anteil, denn selbst das gekürzte Stück (zwei Stunden) neigt doch sehr zum Durchhängen.

So schillernd die Figur Strauß sein mag, so wenig interessiert sie heute – und Ostermaier kann daran nichts ändern. Ebenso wenig wie Rottkamp und Jörg Ratjen, der Darsteller des Plisch, „der eingebildete Strauß“. Die denkbare Vielschichtigkeit eines Wirtschaftskriminellen, der sich per Psychiatrie vor der Haftanstalt retten will und in eine tödliche Identitätsfalle tappt, bleiben alle drei schuldig. Auch an Strauß’ Charisma und Charme ist im Traum nicht zu denken. Der Schauspieler bleibt hölzern, kämpft – was im Laufe der kommenden Vorstellungen vielleicht noch besser wird – angespannt mit dem Ostermaier’schen Zickzack-Text, der von zarter Poesie bis zur Plattitüde bedient sein möchte.

Das schaffen mit der Leichtigkeit der klugen Bühnen-Surrealisten Sibylle Canonica (Chefärztin Elektra) und Oliver Nägele (Max Strauß). Da beide aus dem ehemaligen Dorn-Ensemble stammen, bewegen sie sich naturgemäß völlig heimisch in der Kulisse, die das Logen-Oval des Rokokotheaters „spiegelt“ und mit Bayern-Klischees bemalt/vermüllt wird (Bühne: Robert Schweer). Nägele ist als larmoyantes Weichei so logisch wie als gereifter Sohn. Schade, dass die Rolle viel zu klein gehalten ist. Canonica spielt mit atemberaubendem Registerwechsel von der Psychiaterin, die mit Psychodramen (!) heilen will, bis zum vom Vater vergewaltigten Kind, von der Schmierenkomödiantin bis zur Liebenden, von der Dame bis zur Abgrund-Verzweifelten alles – und das stets mit selbstironischer Delikatesse.

Bei den übrigen eher kasperltheaterhaften Figuren behaupten sich Wolfram Rupperti als Strauß-besessener Journalist und René Dumont als Ex-Strauß-Protegé Dr. Tirow gut. Ihm und mehr noch Alfred Kleinheinz (Patient Zwei) gab man allerdings kaum zu tun. Michele Cuciuffo hat als Plum einen guten Start: ein bissel in Richtung Mephisto, was aber schnell im Undifferenzierten verläppert. Die Paarung Plisch und Plum (Wilhelm-Busch-Zitat, Spitznamen für Strauß und Ministerkollege Karl Schiller), mit der auch das System des Eine-Hand-wäscht-die-andere illuminiert werden soll, funktioniert überhaupt nicht. Aus dieser Wischiwaschi-Sequenz des Stücks konnte selbst Regisseur Rottkamp keine Funken schlagen.

Was Ostermaier kann, bewies er in dem zarten, bewegenden Opfermonolog eines Buben, der in der chilenischen Colonia Dignidad unter religiösem Geschwafel vergewaltigt wurde. Da streifte einen endlich der Eishauch der Brisanz. Obendrein gab der junge Schauspieler Franz Pätzold in dieser Rolle eine bemerkenswerte Visitenkarte ab. Da freut man sich auf mehr. Freundlicher Applaus.

Simone Dattenberger

Nächste Vorstellungen am 18., 19., 26. Oktober, Telefon 089/ 21 80 19 40.

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