Eingehende Prüfung

- Vor einigen Jahren trat er zerknirscht vor die Münchner Fans: Nein, heute habe er leider nichts von Mahler dabei; von jenem Komponisten also, mit dem Thomas Hampson sofort in Verbindung gebracht wird. Und Mahlers gebrochene Expressivität kommt diesem Sänger auch am meisten entgegen - nachzuhören nun im ausverkauften Herkulessaal, der schon vor der Pause, nach den sechs "Wunderhorn"-Liedern, von Jubel durchbrandet wurde.

<P>Hampson ist ja keiner, der in neutraler Haltung am Flügel verweilt. Der Bariton durchlebt diese Lieder und macht sie nachvollziehbar mit reger, effektvoller, oft inszenierter Mimik. Da wird zwischen den Strophen auch mal gestöhnt und geschnaubt, so, als ob Hampson der reinen musikalischen Aussage ein wenig misstrauen würde. </P><P>Bei Mahler kein Problem: "Aus! Aus", "Zur Straßburg auf der Schanz" oder "Revelge" werden zu großartig gedeuteten Mini-Opern im kammermusikalischem Gewand. Bitterkeit, die Wut über den Krieg, über den Selbstbetrug, die schleichende Todesnähe, all das schwingt mit, berührender und machtvoller als manche Friedensdemo. </P><P>Auch die einleitenden Liszt-Lieder werden von Hampson und seinem kongenialen Begleiter Wolfram Rieger förmlich aufgerissen, ins Extrem gedehnt. Und bereits hier wird eine stimmliche Irritation hörbar: Hampson begegnet ihr mit exzellenter Technik, wagt dennoch ein Ausdrucksspektrum von der herrischen Vokalpose bis zum verhauchten Piano. Staunenswert die Nuancierungskunst, mit der sein viriler Bariton geführt wird, mit der auch fast jedes Wort einer eingehenden Prüfung auf Klang und Bedeutung unterzogen wird.</P><P>Magier Rieger am Klavier</P><P>Nach der Pause dann eine klug kombinierte Strauss-Auswahl, fast eine zweite "Winterreise". Hampson bringt die "Heimliche Aufforderung" mit schwärmerischem Ton, auch einer Prise Opernpathos. "Freundliche Vision", "Die Nacht" und "Befreit" schimmern in fahlen Farben, was vor allem Wolfram Rieger zu verdanken ist. Das ist kein Begleiter, sondern ein Magier der Innerlichkeit, ein Zauberkünstler der Pastelltöne. </P><P>Bei Strauss, selbst bei Mahler lässt er stets etwas Debussy durchschimmern: Wann endlich gibt Rieger einen Solo-Abend?</P><P>Hampson singt auch diese Lieder mit enormem Risiko und großer emotionaler Kraft, obgleich die langen Strauss-Bögen stets gefährdet klingen. Ovationen, Zugaben und ein paar Worte des sichtlich Erschöpften: "Aber jetzt ist Schluss. Gute Nacht."</P>

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