Eingeschweißtes Fleisch im Supermarkt

- Eine riesige Krake schwankt im Raum und tastet sich vorwärts. Mutige könnten auf dem Monstrum Platz nehmen und sich die Welt von oben anschauen: ihre Brutalität, ihre Hilflosigkeit. Denn machen kann man von diesem Hochsitz aus nicht wirklich etwas. Die Metallkrake ist ferngesteuert. Ein Sinnbild für die Menschen also. Die Beschriftung gibt den politischen Charakter vor: "gegen Landminen". Noboru Tsubaki wehrt sich mit seinem Roboter "Penta" gegen Kriege und vor allem gegen die US-Strategie.

Damit ist der Japaner ein typisches Beispiel für die junge Kunstgeneration. Heftige Kritik, schrill verpackt, Hinterfragung der Kultur und des Selbstwertes kann sich Asien auf die Flaggen schreiben. Mit der Japan-Ausstellung ermöglicht die lothringer 13 in München einen Blick auf den fernöstlichen Künstlerstatus, der durchaus Bedeutung für Deutschland haben kann. Eine Dresdner Feldforschung hat ergeben: In Japan sind die Kreativen einem enormen wirtschaftlichen Druck ausgesetzt. Moderne Kunst ist wenig etabliert, die Zwickmühle zwischen Anpassung und autonomer Aussage unvermeidbar. In einer Gesellschaft, die auf Ausgleich, Integration und Einheitlichkeit gepolt ist, hat Konfrontation wenig Chancen. Was sich bei den 15 Kunstrebellen neben dem Protest widerspiegelt, ist aber auch die Entwicklung Japans zum Hightech-Staat und zur Wirtschaftsmacht.Hiroshi Fuji fokussiert die Wegwerf-Mentalität mit Spielzeug-Tauschmärkten (25.6., 12 Uhr, 16.7., 14 Uhr). Aus Abfällen kreiert er Mode, baut aus Plastikflaschen Kanus und stellt Wertigkeiten und Ästhetik zur Diskussion. Auch Makoto Ishiwata greift das Thema Verpackung auf. Wie fühlt sich eigentlich das eingeschweißte Stück Fleisch im Supermarkt? In einer Vakuumkabine kann man sich in eine Latexfolie einsaugen lassen - nichts für Klaustrophobiker, dafür etwas für Fetischisten und Neugierige. Auch bei seiner zweiten Arbeit spielt der Künstler mit den geheimen Wünschen und Ängsten der Menschen. Per Laser auf sein eigenes Bild zu schießen, ist sicher nicht jedermanns Sache - und macht die brutale Seite von manchen Spielen klar.Während die Amerikanerin Jennifer Stratford mit Fotos eine tagesfüllende, sinnlose, aber auffällige Jugend-Verkleidungskultur dokumentiert hat, schafft der Brite Peter Bellars einen brisanten Vergleich: Seit 20 Jahren in Tokio, hat der Dozent das dortige strikte Schulsystem in einem Minigolf-Parcours versinnbildlicht. Hierarchien als kleine Fantasie-Architekturen bringen genau den Gegensatz zwischen trivialer westlicher Freizeitbeschäftigung und striktem japanische Reglement auf den Punkt.

Bis 11.9., Tel. 089 / 33 86 961, Katalog: 10 Euro.Technik-Kritik: Kenji Yanobes "Tower 1 - Atom Suit Project".

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