Einladung zum Nachdenken

- "Die lassen einen kaputt gehen, . . . es führt kein Weg rein. Du hast in diesem Land keine Zukunft. . . So verpufft deine Jugend, so wirst du verschwendet und beiseite geworfen, einfach pfft . . ." Wiggo Ritter, junger, angesehener Philosoph an der Berliner Uni, ist aus seiner Assistentenstelle, ist aus unserem System von Arbeit und Lebensinhalt geflogen. Der Mann aus reichem Hause und mit bester Ausbildung erleidet das Schicksal aller Arbeitslosen: Angst, Wut, Hass, Resignation.

<P>Uwe Tellkamp, der im vergangenen Jahr den Ingeborg-Bachmann-Preis für seine Lyrik bekommen hat, packt in seinem Roman "Der Eisvogel" ein brisantes Thema mutig an. Der 1968 in Dresden geborene Schriftsteller (und Arzt) setzt dem Leser keine kernig-realistische Sozialanalyse vor. Nicht ein Zola oder Böll sind die Bezugsgrößen; eher der flirrende Realitätszersplitterer Max Frisch und die Wirklichkeitsüberzeichner aus dem Kino.<BR><BR>So startet das Buch mit einer klassischen Filmszene, in der der Held entsetzt zuschaut, wie er einen Menschen erschießt - Einschusslöcher und ungläubige Augen des Opfers quasi in Großaufnahme. Wiggo präsentiert sich zunächst als Mörder von Mauritz, bis wir nach und nach Näheres erfahren und sich Roman-Ende und -Anfang zum Kreis schließen.<BR><BR>Auch Tellkamp präsentiert sich zunächst als artifizieller, zeitgeist-alerter Autor, bevor er einfühlsam Arbeitslosigkeit, raffiniert schleichend neofaschistisches Denk- und Pathosgeschwurbel und eine spannende Terroristengeschichte entwickelt. Der Vater-Sohn-Konflikt zwischen Wiggo und seinem knallharten Banker-Papa - außerdem ein Alt-Achtundsechziger - ist nicht so recht gelungen. Zwar groß ausgeführt, dennoch klischeehaft. Geld kontra Geist ist schon genug; "Ödipus" ist überflüssig.<BR><BR>Die andere Vaterfigur Wiggos, der Biologieprofessor Kaltmeister und Besitzer eines die Wahrnehmung irritierenden Eisvogel-Gemäldes, wird liebevoll von Tellkamp ausgepinselt, aber dann auf Nimmerwiedersehen fallen gelassen: sie hat ihre Schuldigkeit getan und über Insektenstaaten - o Symbol! - doziert. Und hat den Neffen Mauritz ins Spiel gebracht, den Edel-Neonazi mit Kung-Fu-Können, der Deutschland durch Terror retten will. Elite, Aristokratie, Herrscher, Opfer, Werk sind da die Schlagworte.<BR><BR>Der Übermensch ist auch nur eine arme Sau</P><P>Wie Hitler findet er schnell reiche Geldgeber, allerdings verlassen die ihn genauso rasch wieder. Auch der verzweifelte arbeitslose Philosoph, der die Gesellschaft der Geldgeilen, Erfolgsfanatiker und Fernsehverblöder verabscheut, reißt sich los aus Mauritz' faschistischem Spinnennetz. Am Ende ist der allein gelassene Übermensch nur eine arme Sau, macht Tellkamp deutlich, aber helfen kann ihr niemand. Den Weg aus der Wahnwelt bahnen Wiggos Schüsse.<BR><BR>Er, mit schwersten Verbrennungen und Brüchen im Krankenhaus liegend, erzählt alles seinem Verteidiger. Der Redefluss wird immer wieder unterbrochen und ergänzt durch Statements etwa des Freundes und Arztes Jost. Aber auch durch Wiggos Kindheitserinnerungen, Reflexionen über Philosophie, über die großen Fragen der Menschheit von Liebe und Tod, über Schuld und Qual bis zur politischen Theorie, wie Menschen richtig und gut zusammenleben können.<BR><BR>Wiggo Ritter und Uwe Tellkamp finden keine Antworten, nur viele gute Fragen und noch mehr schlimme Zweifel. Gewiss ist, dass die Antworten der Banker und Bomber einfach, aber falsch sind. Eine weisere Antwort ist jene Kombination, paradox wie das Leben: Wiggo hat über Thomas Morus' "Utopia" promoviert und betreibt doch ganz wirklichkeitsnah eine "Philosophische Praxis" für alle, die nach dem Sinn ihres Seins forschen.<BR><BR>Tellkamp hat seinen Roman "Der Eisvogel" bisweilen inhaltlich (auch sprachlich) überladen; dass er uns sehr erfrischend zum Nachdenken und Politisieren einlädt, muss aber hoch geschätzt werden.</P><P>Uwe Tellkamp: "Der Eisvogel". Rowohlt Verlag, Berlin. 318 Seiten; 19,90 Euro.<BR>Der Autor liest am 20. April im Münchner Literaturhaus.</P>

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