Einmal Freising und zurück

- "Ein Traum aller Wagnerianer ist wahr geworden!", textete 1995 anlässlich einer Premiere der "Meistersinger von Nürnberg" an der Met die "New York Times". Und meinte mit diesem "Traum" vor allem einen: Ben Heppner, der sein New Yorker Debüt als Walther von Stolzing gegeben hatte. Mag auch das Lamento über den eklatanten Mangel an Wagner-Tenören schon seit Jahren groß sein - wenn der kanadische Sänger auf der Bühne steht, dann verstummt das Gejammere, wenigstens für diesen Opernabend.

<P>Unter den Sängern seiner Generation gilt Heppner, Jahrgang 1956, auch als stimmliche Ideal-Besetzung für den "Lohengrin", den er morgen anlässlich der Wiederaufnahme des Stücks an der Bayerischen Staatsoper erstmals in München singen wird.<BR><BR>Lohengrin war seine erste große Wagner-Partie: Die legendäre Birgit Nilsson selbst hatte Heppner geraten, die Rolle anzugehen, nachdem er 1988 aus dem "Birgit-Nilsson"-Preis der Metropolitan Oper als Sieger hervorgegangen war. 1988 sang er ihn in der New Yorker Carnegie-Hall, ein Jahr später an der Stockholmer Oper, und spätestens da hatte sein internationaler Aufstieg begonnen. Noch heute staunt Heppner darüber, wie schnell nach Jahren einer durchaus auch mit Rückschlägen verbundenen Sänger-Karriere plötzlich alles seinen Lauf nahm - und ist nachträglich noch froh darüber, wie unbefangen er seinerzeit an die Sache heranging: "Ich war damals naiv auf eine gute Art und Weise. Das hat mir vieles erspart."<BR><BR>"Man muss auch lernen, sich seinen Schwächen zu stellen."<BR>Ben Heppner</P><P>Immerhin erst zwei Jahre zuvor hatte Heppner das Stimmfach gewechselt, vom lyrischen Tenor zum Spinto-Tenor bzw. zum jugendlichen Helden-Tenor. "Der Lohengrin war für meine Stimme, wie sie damals war, nahezu ideal: Es ist eine wunderbar lyrische Partie, auch wenn es in der Brautgemach-Szene dann viel Kraft und Durchhaltevermögen braucht." Seinerzeit für den Sänger eine Herausforderung. Und heute? "Früher kam mir die Lohengrin-Partie lang vor - heute, nach dem Tristan, erscheint sie mir doch vergleichsweise kurz. Vor meinem jetzigen Auftritt in München habe ich den Lohengrin zwei Jahre nicht gesungen. Wenn ich jetzt zu der Rolle zurückkomme, erscheint sie mir wie ein willkommener Freund."<BR><BR>Wie man als Wagner-Sänger seine Kräfte einteilt, das hat er durch die "Meistersinger" erfasst und mehr noch natürlich durch den Tristan: "Diese Partie war wirklich gut für mich. Durch ihn habe ich eine ganze Menge erfahren. Der Tristan konfrontiert einen Sänger unbarmherzig mit seinen eigenen Schwächen. Über die mag man in ,normalen Partien hinwegsingen können. Beim Tristan aber werden die Probleme umso größer, je mehr man sie zu ignorieren oder zu überspielen versucht. Man muss also lernen, sich seinen Schwächen zu stellen, und lernen, mit ihnen zurechtzukommen."<BR><BR>So hat seine Stimme von der Beschäftigung mit Wagner profitiert, hat vor allem in der Tiefe an Volumen und Sicherheit gewonnen, an Flexibilität in der Höhe aber nicht verloren - im Gegenteil: Nachdem Ben Heppner vor drei Jahren durch eine konsequente Diät über 40 Kilogramm abgespeckt hatte, gewann auch die Stimme an Leichtigkeit. Heute achtet er sensibler als früher auf die Signale seines Körpers, isst bewusster und sorgt dafür, dass auch während Tourneen der Sport nicht zu kurz kommt. Auch hier in München fährt der Tenor alle täglichen Strecken mit dem Fahrrad und dreht, wenn es der Probenplan zulässt, auch mal größere Touren, etwa nach Freising und zurück.<BR><BR>Körperlicher Ausgleich ist wichtig: "Die emotionale Verausgabung beim Singen ist immens. Wenn Sie Partien wie den Tristan sechs- oder achtmal hintereinander gesungen haben, dann sind Sie emotional erstmal ziemlich leer." Dann ist es Zeit, zwischendurch nach Hause zurückzukehren, nach Kanada, wo Heppner bei seiner Frau und seinen drei mittlerweile herangewachsenen Kindern wieder Kraft tanken kann.<BR><BR>Die braucht er, denn neue Rollen erscheinen schon am Horizont: "Sicher werde ich in den nächsten Jahren den Parsifal angehen, und wohl auch den Siegmund, die früher noch zu tief für mich lagen." Fehlt dann eigentlich nur noch der Siegfried. Aber da blockt Ben Heppner (vorerst) ab: "Ein Angebot dazu bekomme ich alle zwei Wochen. Aber ich mag die Rolle nicht. Zuerst diese mörderischen zwei ersten Akte, und dann trifft er im letzten Akt auf Brünnhilde, die ist taufrisch wie eine Blume nach einem langen Nickerchen - das ist wirklich ziemlich undankbar."<BR></P>

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