+
Jugendliches Lebensgefühl als Tanzstück: Szene mit Béla Milan Uhrlau (li.) und Alexander Sablowski.

Einmal geliebt werden

München - Die Theaterakademie zeigt Roland Schimmelpfennigs „Die Zwiefachen“ - lesen Sie hier die Premierenkritik.

„Die Zwiefachen“ – das klingt so schön bayerisch, hat aber nicht direkt mit Zweier- gegen Dreiertakt, wohl aber mit Tanz zu tun. Roland Schimmelpfennigs Ein-Stunden-Stück (uraufgeführt 1997 an den Kammerspielen) reflektiert darin das Lebensgefühl junger Leute von heute, für die es immer schwieriger wird, ihre eigene Wahrheit zu finden.

Nur der eigenen Nase nach durchbrettern, das traut man sich heute kaum mehr. Zu stark der Konkurrenzkampf, zu eilig daher die Bereitschaft sich anzupassen. Es geht nur noch um kurze Ziele: einmal der Beste sein, einmal geliebt werden. Dafür lässt man das eben noch dringend Gewünschte fallen wie eine heiße Kartoffel. Man kann eben „zwiefach“: Es geht immer auch, bis zur Charakterlosigkeit, anders.

Das Ganze ist in ein Tanzstück gepackt, und für die körperliche Ertüchtigung ist in der Aufführung der Bayerischen Theaterakademie Katja Wachter verpflichtet. Der dritte Schauspiel-Jahrgang spielt im Akademietheater; Annalena Maas, die Regisseurin, studiert Regie im zweiten Jahr. Alle sind in dem vom Autor angesprochenen Alter. Das kann, muss aber nicht ein Vorteil sein. Schimmelpfennig will nicht in einer Sozialstudie hängen bleiben, lässt Shakespeare’sche Liebeswirren und Märchenmotive anklingen.

Die Bühne von Martha Pinsker (auch Studentin) greift das mit ihren szenehoch bewimpelten Seilen auf. Assoziation: Aufbruch, Seefahrt, aber auch Irrgarten. Das große Ziel ist ein Tanzabend, zu dem alle möchten, aber nur zwei das Zeug haben – die von allen begehrte Turan mit ihrem Gigi (körperlich fabelhaft trainiert: Kim Bormann und Michael Glantschnig). Als die neidische hexenhafte Tara der Gigi die Tanzfähigkeit nimmt, ändern sich ruckartig alle Vorlieben.

Annalena Maas stellt mit ihren Schauspielern emotionale Kälte her, die aus der Hitze kommt – oder umgekehrt. Beim Proletenpaar Béla Milan Uhrlau und Alexander Sablofski besticht der gut geprobte Körpereinsatz. Wenn die Akademie mit diesem Stück Ende des Monats zum Theatertreffen der Schauspielstudenten nach Berlin fährt, sollte nicht mehr so viel geschrien werden.

Beate Kayser

Weitere Vorstellungen

heute sowie am 14., 18., 19. und 20. Juni; Telefon 089/ 2185-1970.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Kontrastprogramm zur Wiesn: Am Donnerstagabend hat Neil Diamond die Olympiahalle mit seiner Coolness beehrt. Eine Kritik.
Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Der Mut-Lacher
Mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelang Philippe de Chauveron ein Riesenerfolg. Nun setzt de Chauveron einen drauf: In „Hereinspaziert!“ übernimmt Christian …
Der Mut-Lacher
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab

Kommentare