Einmal im Leben einen Walzer schreiben

- So ein Udo-Jürgens-Konzert ist wie ein Familienfest: Wer hingeht, weiß, was ihn erwartet. Der Ablauf ist vertraut, Überraschungen sind selten, und der weiße Bademantel am Ende ist so sicher wie Kaffee und Kuchen. Beim Tourneeauftakt in der ausverkauften Münchner Olympiahalle bewies der Chansonnier aus Klagenfurt mit der bewährten Mischung aus Nachdenklichem, Satirischem und Kult, dass auch mit 69 Jahren noch lange nicht Schluss ist.

<P>Leicht verdaulich und trotzdem den Finger zielsicher auf den kleinen und großen Wehwehchen der Gesellschaft, singt Jürgens seit über 50 Jahren immer wieder aufs Neue gegen Spießigkeit und soziale Ungerechtigkeit an. Seine Sprache ist zeitlos: Sein Publikum dürfte inzwischen vier Generationen umspannen.</P><P>Ganz der große Entertainer im schwarzen Anzug mit rotem Einstecktuch, führte er am gläsernen Flügel souverän durch den dreistündigen Abend, begleitet vom legendären Orchester Pepe Lienhard. Nur Minuten vergingen, bis die erste Verehrerin in Abendrobe ihr zellophan-umhülltes Blümchen überreichte und sich artig zum Dankesküsschen reckte. Sie blieb nicht die einzige. Dass Jürgens es diesmal erst kurz vor Schluss schaffte, die Zuschauer von den Stühlen hochzureißen, mochte an der nicht ganz so geglückten Dramaturgie des Konzerts liegen. Trotz neuer, vor Zynismus strotzender Stücke wie "Es lebe das Laster" oder "Weichei" war der Gesamtauftritt sehr balladenlastig. </P><P>Die bewährten Mitsing-Klassiker verschiebt Jürgens zum knappen Medley verschnürt immer mehr nach hinten. Dennoch verstand er es, in technischer Perfektion, mit charmantem Witz und seiner unnachahmlichen Bühnenpräsenz das Publikum zu begeistern. Höhepunkte: die poetische Ballade "Alles, was ich bin" sowie die im Dreivierteltakt geschriebene Geschichte eines unheilbaren Frauentrösters - "Und da hab' ich ihr das Leben gerettet". Denn: "Als österreichischer Künstler muss man einmal im Leben einen Walzer geschrieben haben, sonst wird man nicht ernst genommen."</P><P>So lästig wie überflüssig war dagegen das penetrante Sponsoring eines Baumarktes, der die Zuschauer mit Broschüren, Rosen und einem winkenden Riesenbiber verfolgte.<BR></P>

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