Eklat auf dem Filmfest München

„Einmal muss man sagen: Nein!“

 Beim Förderpreis Deutscher Film weigert sich die Jury erstmals in 20 Jahren, den Regie- und Drehbuchpreis zu vergeben

Wieder gibt es Ärger, diesmal richtig: Der auf dem Filmfest München verliehene Förderpreis Deutscher Film für Nachwuchsregisseure und -Drehbuchautoren (Preisgeld: insgesamt 30 000 Euro) wurde gestern erstmals seit 20 Jahren nicht vergeben. Der Grund dafür ist nicht, dass sich die Jury nicht einigen konnte, wie interessierte Kreise zu verbreiten suchten. Im Gegenteil: Wer mit Regisseurin und Oscar-Preisträgerin Caroline Link, Produzent Uli Aselmann und Schauspieler Maximilian Brückner sprach, erlebte ein gut gelauntes Jury-Trio: „Wir waren uns ganz einig“, sagte Aselmann, „dass wir die Preise unter den diesjährigen Bedingungen nicht vergeben möchten.“

„Wir waren nicht glücklich mit der Vorauswahl“, ergänzte Link und sprach von Bevormundung durch Sponsoren und Preisstifter, die die Juryarbeit durch eine Vorauswahl nach völlig undurchsichtigen Kriterien willkürlich einschränke. „Einmal muss man sagen: Nein.“

Im Gespräch mit unserer Zeitung nannten die Juroren mehrere Gründe für ihre Entscheidung: Die Auswahl der Filme und die vorgelegte Liste möglicher Preisträger, „die laut Regularien angeblich in Frage kamen“, sei nicht komplett gewesen. Die Jury habe zudem keine echte Wahlmöglichkeit gehabt. Vor allem hatte man offenbar damit Probleme, dass einige der besten Nachwuchsfilme der Reihe „Neue deutsche Kinofilme“, die alle sonstigen Kriterien erfüllen, durch die völlig willkürlich auf 35 Jahre festgelegte Altersgrenze aus dem Rennen waren. Darunter fällt etwa „Die Liebe der Kinder“, von Regisseur Franz Müller (Jahrgang 1965), dessen Nichtnominierung in den letzten Tagen von Filmfestbesuchern kritisiert worden war. „Diese Altersgrenze ist bescheuert“, sagte Aselmann. Indirekt kritisierte die Jury auch die Auswahl der Filmfest-Verantwortlichen: „Bei 170 Filmen pro Jahr in Deutschland muss es doch noch bessere Filme geben.“ Trotz mehrerer Krisengespräche mit den Preisstiftern, der HypoVereinsbank, der Bavaria Film und dem Bayerischen Rundfunk (BR), gab die Jury dem Druck nicht nach: „Das ist uns nicht leicht gefallen, aber gemessen an all dem, was in den letzten Jahren schon passiert ist, musste eine Jury einmal konsequent sein.“

Tatsächlich ist der gestrige Eklat nur neuester Höhepunkt in der von Ärger geprägten Geschichte eines Preises, der branchenintern von manchen „Münchner Mauschelpreis“ genannt wird. Bereits seit Jahren war die Auszeichnung offen oder unter der Hand von Jurymitgliedern, von nominierten und nichtnominierten Filmemachern kritisiert worden, schon seit Jahren hat diese Zeitung, zunehmend auch andere Medien, die künstlerisch ungenügende Vergabepraxis kritisiert. Diese Kritik gilt vor allem den Vornominierungen. Da zudem die beiden Preisstifter Bavaria Film und Bayerischer Rundfunk nicht selten an den Kandidaten beteiligt sind, kam die Preisvergabe oft einer Selbstförderung gleich.

Jetzt setzt die Jury auf das deutlichste Mittel, auf den unübersehbaren öffentlichen Protest. Davon sind nicht alle begeistert: „Das überrascht uns und enttäuscht uns. Aber wir können die Entscheidung der Jury nur mit Bedauern zur Kenntnis nehmen“, sagte Filmfestchef Andreas Ströhl. „Wenn Eure Ehe zerrüttet ist, müssen nicht wir Kinder darunter leiden“, kritisierte auch der nominierte Regisseur Felix Fuchssteiner: „Das entwertet die Filme, die auf der Liste standen, und das entwertet auch die Preisträger.“ Als Jurymitglied müsse man wissen, „dass man einen Job zu machen hat“, sagte er.

Fuchssteiners Film „Draußen am See“ gehört dabei noch zu den Gewinnern: Denn seine Darstellerin Elisa Schlott wurde als beste Nachwuchsschauspielerin geehrt (5000 Euro), Produzentin Katharina Schöde bekam den erstmals verliehenen und mit 20 000 Euro dotierten Produzentenpreis. Der mit 5000 Euro dotierte Preis für den besten Schauspieler ging an Max Kidd für „Hangtime“.

von Rüdiger Suchsland

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