Einschüchternde Spitzentöne

Bayreuth - Leicht macht es einem der gute Richard Wagner ja nicht unbedingt mit seinem "Siegfried". Und das betrifft jetzt keineswegs nur den Darsteller der Titelrolle, von dem der Komponist eine wahrlich heldenhafte Kondition und ein ebensolches Lungenvolumen verlangt.

Auch ein Regisseur muss sich fragen, wie er in der heutigen Zeit mit diesem germanischen Übermenschen und der damit verbundenen Ideologie überhaupt noch umgehen kann und will. Der gelernte Dramatiker Tankred Dorst wählt in seiner Bayreuther Produktion dafür den ungefährlichsten Weg und stellt uns einen muskelbepackten, tapsigen Tanzbären auf die Bühne, der mit jugendlichem Übermut alles kurz und klein schlägt, was sich ihm in den Weg stellt. Kritische Untertöne werden von der Regie allenfalls behutsam angedeutet.

Dennoch erlebten die Zuschauer, die sich zuvor durch eine schwere Unwetterfront den Grünen Hügel hochgekämpft hatten und teils noch triefend nass dem ersten Aufzug lauschen mussten, hier die bislang wohl rundeste Aufführung des aktuellen "Ring"-Zyklus. Was zunächst einmal auf das Konto von Christian Thielemann und seinem Orchester ging, die nach einem redlich verdienten Pausentag nun mit neu gewonnener Kraft und Schwung an ihrem "Ring" weiterschmiedeten. Mit manchmal bis ins Extreme ausgereizten Tempi drückte Thielemann dabei auch diesem Abend ganz unverkennbar seinen persönlichen Stempel auf und ließ bei passender Gelegenheit immer wieder gerne martialisch das Blech rasseln. Im ersten Akt, den Ausstatter Frank Philipp Schlößmann in einem leer stehenden, halb verfallenen Klassenzimmer ansiedelt, wurde dazu auch auf der Bühne endlich einmal pralles Musiktheater geboten. Dies jedoch nicht unbedingt wegen Tankred Dorst, der sich einer stringenten Personenführung nach wie vor weitgehend verweigert, sondern in erster Linie wegen Gerhard Siegel.

Mit großer Bühnenpräsenz und enormer Spielfreude beherrscht sein verschlagener Mime zu jeder Sekunde das Geschehen und kann es zudem an purer Stimmkraft mit jedem Heldentenor unserer Tage aufnehmen. Dabei meistert Stephen Gould die fordernde Titelpartie mit einem bewundernswerten Durchhaltevermögen und stemmt während der Schmiedelieder wahrlich einschüchternde Spitzentöne in den Raum. Darüber hinaus verfügt der Amerikaner, ohne sich zwei Akte lang schonen zu müssen, noch über genügend Reserven, um das Duett mit der wiedererweckten Brünnhilde ohne Blessuren zu überstehen. In dieser Szene überraschte dann wohl auch Linda Watson mit ihrer differenzierten Interpretation selbst jene Skeptiker, welche die Wotanstochter zuvor lieber mit einer schlankeren Stimme besetzt gesehen hätten.

Andrew Shore versuchte hingegen, die Bedrohlichkeit Alberichs wie schon im "Rheingold" vor allem durch ungeschliffene, raue Töne heraufzubeschwören und musste damit beim großen Schlagabtausch mit Wotan fast zwangsläufig den Kürzeren ziehen. Umso mehr, weil Kollege Albert Dohmen dank einer natürlichen Autorität auf derartige vokale Unarten verzichten konnte und singend aus dem Text heraus gestaltete. Eine Fähigkeit, die auch Bayreuths neue Erda Christa Mayer auszeichnet, die mit satter und ebenmäßig geführter Altstimme erneut einen starken Eindruck hinterließ.

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