Als Einsiedler gestorben

- Wieder einmal stellt sich die Frage nach dem Geschlecht der Engel. Sind sie weiblich, männlich oder androgyn? In der nach zehnjährigen Sanierungsarbeiten jetzt wiedereröffneten Renatuskapelle beim Schleißheimer Parkschloss Lustheim waren die gewandeten, vergoldeten Engel auf beiden Seiten des Altargemäldes vermutlich 1888 abgeschlagen worden. Nur die Umrisse zeichneten sich noch ab.

So fuhren der Architekt Ernst Götz und der Stuckateur Jan Hooss nach Salzburg, um in der dortigen Kajetanerkirche und in der Nonntaler Erhart-Kirche die vorzügliche Stuckierung der Italiener Francesco und Carlo Antonio Brenno zu studieren. Denn zumindest Francesco Brenno stuckierte auch die Renatuskapelle.

Maria hält das brennende Herz

Ob die beiden lebensgroßen, kräftigen Engel, die in der Renatuskapelle nun wieder Giovanni Trubillios Altargemälde emporheben, männlich oder weiblich sind, weiß auch ihr nachempfindender Urheber Jan Hooss nicht recht zu sagen. Fünf Monate lang hat er an ihnen gearbeitet. In Trubillios Gemälde betet der frühchristliche Bischof Renatus - nachweisbar in Angers an der Loire - vor der Madonna. Zugleich fungiert er als Fürbitter der hier versammelten Gemeinde. Im Kuppelfresko des Tirolers Anton Gumpp (1687) wird Renatus im Himmel von der heiligen Dreifaltigkeit empfangen. Maria hält das brennende Herz.

So ist dieser seit 1684 nach Entwürfen des Hofbaumeisters Enrico Zuccalli erbaute, für viele andere zum Vorbild gewordene sakrale Ovalraum nicht nur dem heiligen Bischof Renatus geweiht, sondern auch der Madonna. Außer zu Hochzeiten können hier daher fürderhin Gottesdienste nicht nur zum jährlichen Patrozinium, sondern auch zu Ehren der Gottesmutter stattfinden. Die Akustik ist vorzüglich, wie sich beim Festgottesdienst zur Wiedereröffnung unter der musikalischen Leitung von Domkapellmeister Karl-Ludwig Nies zeigte.

Wie gelangte Renatus in einen der Seitenpavillons von Kurfürst Max Emanuels Schleißheimer Gartencasino, über zehn Jahre vor dem Baubeginn des Neuen Schlosses? An dieser Stelle stand bis 1684 eine der sieben Kapellen mit kleinen Mönchszellen, in die sich Herzog Wilhelm V. seit 1600 zu religiösen Übungen zurückzog. Nur die Kapelle St. Jacobus in Hochmutting ist heute noch vorhanden. Renatus soll, woran Domkapitular Wolfgang Huber jetzt erinnerte, als Einsiedler gestorben sein. Wilhelms V. Gemahlin hieß außerdem Renata (von Lothringen).

Zu der von Zuccalli für Max Emanuel errichteten Renatuskapelle gehörte eine Wohnung für zwei Mönche. Heute gewahrt man gleich hinter ihr eine mit unsäglichem Gartenzwerge-Kitsch bestückte kleine Gärtnerei des Parkpersonals.

Noch weitgehend erhalten war der Originalputz des späten 17. Jahrhunderts mit dem Gelbocker und Weiß des Kalkanstrichs.

Begonnen wurde 1995 mit der Festigung des historischen Dachstuhls. Die rund 2,1 Millionen Euro für die Wiederherstellung und Restaurierung seien gut angelegt, sagte Finanzminister Faltlhauser zur Wiedereröffnung. Außer dem Altargemälde fanden sich in einem Depot des Neuen Schlosses als Teile der einstigen Ausstattung die geschnitzte Gruppe eines Christus an der Geißelsäule (wohl aus dem Umkreis Ignaz Günthers) und die beiden Seitenaltäre aus der Werkstatt Johann Baptist Zimmermanns mit Darstellungen der Heiligen Franciscus und Antonius.

Als Hersteller der unzähligen neuen, flachen Tellerscheiben für die Fenster des Emporengeschosses wurde ein Glasbläser in Görlitz ausfindig gemacht. In die üblicherweise geschlossene Kapelle soll durch eine Glaskonstruktion an der Tür Einblick gewährt werden. Ein Gitter ist aus konservatorischen Gründen nicht möglich. Die eingebaute Heizung kann nur Frostschäden abwehren.

Öffentliche Führung mit dem Architekten Ernst Götz: 21. August, um 14 Uhr; Anmeldung unter Telefon 089/ 179 08-444.

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