Ein Einspringer und drei Heroinen

- München - "Ein fremder Mann?", stutzt Sieglinde in ihren ersten Worten. "Ihn muss ich fragen." Nicht nötig, hier die gewünschten Daten: Stig Andersen heißt er, sollte eigentlich als Titelheld für den neuen Münchner "Siegfried" proben, wurde nun aber, da Peter Seiffert des Morgens krächzend erwachte, kurzerhand für diese "Walküre" verpflichtet.Ein Saisonstart an der Staatsoper also ohne den geliebten Sonnyboy - da versuchten gleich zig Fans, ihre Tickets feilzubieten.

<P>Etwas voreilig: Andersen überrumpelt zwar nicht mit Strahlstimme, singt oft mit Dämpfer, sein Heldenglanz mag Patina angesetzt haben. Aber dafür ist er ein kluger, genau abwägender Gestalter, der mit Liederabend-Phrasierung manch knifflige Passage nimmt - und auch mal seinen eigenen Kopf durchsetzt, wenn Sieglinde/Waltraud Meier den Neuen allzu aufdringlich durch die Szene lotst. Dennoch bleibt ein Verdacht: In einer anderen Vokal-Abteilung, als Idomeneo oder Titus etwa, könnte der Däne besseres  Profil  entwickeln.</P><P>Trotz des kleinen Schocks nahm's diese Vorstellung (fast) mit der Premierenserie auf. Waltraud Meier warf sich mit gewohnter erotischer Expressivität in ihre Rolle, Gabriele Schnaut (Brünnhilde) zeigte, dass sie nicht nur als effektvolle Überfrau punktet, sondern auch zu jungmädchenhaften Tönen findet. Sogar Kurt Rydl (Hunding) knarzte weniger phonstark als sonst. Richtig nervenkitzlig wurde es allerdings nur zweimal: Beim Wüten des Götterpapas im Schlussakt - ein anderer Wotan als der großartige John Tomlinson scheint schier nicht vorstellbar - und im Disput mit Gattin Fricka.</P><P>Violeta Urmana, andernorts längst zur Sieglinde befördert, dominierte da für zehn Minuten die Bühne, führte ihre makellose Stimme vor und bewies, dass sich Wagner-Gesang und Textarbeit nicht zwangsläufig ausschließen müssen. Zubin Mehta ließ den ersten Aufzug noch leicht durchhängen, interessierte sich vor allem für die Lyrismen der Partitur, erreichte aber mit dem Staatsorchester erst ab dem Wotan-Monolog, vor allem im dramatisch aufgeputschten Schlussakt die notwendige Intensität. Verkleckerte Einsätze oder Irritationen bewiesen: Der Urlaub fürs Ensemble liegt noch nicht lang zurück, wäre ja auch langweilig, wenn sich diese Saison nicht mehr steigern ließe. <BR></P>

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