Einspringer mit Krücken - Der Amerikaner Gerard Schwarz dirigiert am Sonntag im Gasteig

München - Neville Marriner musste seinen Auftritt mit der Academy of St. Martin in the Fields aus familiären Gründen absagen. An seiner Stelle übernimmt am Sonntag im Gasteig der Amerikaner Gerard Schwarz (60), langjähriger Chef des Seattle Symphony Orchestra, die musikalische Leitung.

Sie haben die Tournee kurzfristig übernommen. Wieviel Zeit ist Ihnen zum Proben geblieben?

Mein Assistent hat in London etwas mit den Musikern gearbeitet, ich selbst hatte nur einen Tag. Das ist nicht viel, aber die Musiker der Academy sind bemerkenswert und von Sir Neville bestens in Schuss gehalten. Bis wir nach München kommen, haben wir noch reichlich Gelegenheit, zusammen zu spielen.

Konnten Sie unter diesen Umständen noch viele eigene Ideen einbringen?

Es hilft, dass Neville und ich uns in unseren Ansichten sehr ähneln. Außerdem habe ich früher schon mit der Academy gearbeitet. Bei der ersten Probe habe ich das Programm zunächst am Stück durchgespielt, um zu testen, wie sich das Orchester auf meine Ideen einlassen würde. Vieles hat da bereits funktioniert, ohne groß darüber zu reden. Das war für mich eine große Freude und Beruhigung. Der individuelle Klang des Orchesters bleibt natürlich erhalten. Denn wenn ich als Gast zu einem Ensemble komme, ist es meine Aufgabe, mit ihm zu musizieren, und nicht, seine Spielweise über den Haufen zu werfen.

Sie haben an der Trompete begonnen, aber bald zum Taktstock gewechselt.

Als Trompeter ist man vom Repertoire her sehr eingeschränkt. Als Dirigent habe ich die Möglichkeit, verschiedenste Werke mit unterschiedlichen Besetzungen zu erarbeiten. Ich versuche aber nie, dem Werk gewaltsam eine Idee aufzuzwingen, nur um etwas zu machen, das noch nie da gewesen ist.

Gab es während dem Studium Vorbilder?

Ich hatte das große Glück, in New York unter Dirigenten wie Erich Leinsdorf, Leonard Bernstein oder Pierre Boulez zu spielen. Das hat mich geprägt. Ich weiß nicht, wieviel Einfluss das nach über 30 Jahren noch hat, aber natürlich sind alle Erfahrungen in meinem Hinterkopf.

Nehmen Sie deshalb mehr Rücksicht auf einzelne Musiker?

Wenn ich mit einem Solisten arbeite, versuche ich, mich in ihn hineinzuversetzen. Unsere Arbeit funktioniert nur, wenn wir dem anderen genau zuhören. Mit dem Pianisten Jonathan Biss nun habe ich oft beinahe das Gefühl, Kammermusik zu machen. Wir harmonieren sehr gut miteinander. Sein Großvater hat übrigens früher in Basel zusammen mit meinen Eltern studiert. Ein lustiger Zufall, dass wir beide jetzt auf dieser Tournee zusammenkommen.

Fühlen Sie sich als Einspringer unter Druck?

Es ist mehr ein zusätzlicher Schuss Adrenalin. Der einzige Grund, warum ich etwas gezögert hatte, ist, dass ich mir beim Skilaufen das Bein gebrochen habe. Ich werde also mit Krücken ans Pult hüpfen. Das Gespräch führte Tobias Hell.

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