Wie einst im Mai

- Erinnerungen können keine Falten bekommen. Denkt man. Die singende Haartolle Götz Alsmann beweist, dass dem sehr wohl so ist. In seiner Revue "Lieder, Swing und alte Schlager" schickte er das Publikum auf eine Zeitreise zurück ins deutsche Wirtschaftswunderland. Zurück in eine Ära, in der eine Band noch Tanzkapelle genannt wurde und der Handkuss noch Bedeutung hatte.

<P>Live und in Farbe</P><P>Ganz wie die Conférenciers vergangener Dekaden begrüßte Alsmann die Zuschauer in der Münchner Philharmonie, in "dieser prachtvollen Schau bayerischen Vertäflerhandwerks", und legte gleich los mit "Es liegt was in der Luft". Tatsächlich liegt etwas in der Luft an diesem Abend - ein Hauch von Nostalgie. Grau melierte Ehepaare blicken sich verklärt in die Augen, und Füße, die lange nicht mehr getanzt haben, wippen energisch zu Bossa-Nova-Melodien.<BR><BR>"Bekannt aus Funk und Fernsehen" seien seine Gäste, verkündete Alsmann. "Jetzt können Sie die endlich live und in Farbe sehen!" Mit leuchtenden Augen begleitete Alsmann Bibi Johns und beamte den Saal mit den ersten Takten von "Aber nachts an der Bar" endgültig zurück in die Fünfziger. "Bella Bimba" singt Johns, danach "Papa tanzt Mambo". Chris Howland kommt, sprechsingt vom Sparschwein, das er mit dem Hämmerchen kaputt haut, und davon, was er in Paris gelernt hat.<BR><BR>Die Zeit steht still. Götz Alsmann freut sich. Schließlich sind die Fünfzigerjahre seine liebste Epoche. Musikalisch gesehen. Ein Denunzieren seiner nur noch mittelprächtig rüstigen Stars käme für ihn angenehmerweise nie in Frage. Auftritt Greetje Kauffeld, die früher mal mit Paul Kuhn "Jeden Tag da lieb' ich dich ein kleines bisschen mehr" intonierte. Jetzt übernimmt Alsmann Kuhns Part, und der Mann genießt es sichtlich, mit dieser hervorragenden Sängerin ein Duett bestreiten zu dürfen.<BR><BR>Dann tanzen die Kessler-Zwillinge über die Bühne, werfen die Beine wie einst im Mai, wirbeln zum "Monte Carlo Cha Cha Cha" übers Parkett. Das Publikum trampelt vor Wonne, und dann ist schon alles vorbei. Beim Verlassen des Saals schlägt die nüchterne Beton-Moderne erbarmungslos zu.</P>

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