Einstürzende Säulenhalle

- Beide Festivals vergleichen, natürlich hinkt das. Bayreuth pflegt Wagner-Pilger mit jährlich gerade mal einer Neuproduktion zu irritieren/beglücken/verschrecken, der Salzburger Kunstausstoß bewegt sich dagegen im Halbdutzend-Bereich. Also auch Dutzendware? So viel Belangloses, so viele protzig aufgeblähte Nichtigkeiten wie heuer waren jedenfalls fast noch nie in einer Salzburger Sommersaison, deren Brillanz sich allein auf die Klunker der Gala-Gemeinde zu beschränken schien.

<P>Bayreuth, gut, das erschöpfte sich im Phänomen Christoph Schlingensief. Doch die von Wolfgang Wagner gerührte PR-Trommel war klug eingesetzt: Der Skandal fand beim "Parsifal" nicht statt, ein Aufbruch zur neuen Bild-Ästhetik blieb freilich als Ergebnis - sehr verbesserungswürdig, aber notwendig.<BR><BR>Fast ebenso hochambitioniert ist Salzburgs Intendant Peter Ruzicka vor zwei Jahren gestartet, der das renommierteste Festival der Welt auf fünf Säulen ruhen lassen wollte: auf Mozart, auf Strauss, auf Exil-Komponisten und großen Meistern des 19. Jahrhunderts sowie auf Uraufführungen. Doch Finanznöte und tragische Entwicklungen (der verstorbene Giuseppe Sinopoli sollte den Strauss-Zyklus betreuen), sicher auch Zwist im Direktorium und ein davon zermürbter Intendant brachten die Säulenhalle zum Einsturz.<BR><BR>Was sich jetzt, kurz vor Ende der Festspiele offenbart, ist eine magere Ausbeute. Sündteures und Substanzfreies à la "Rosenkavalier" oder "King Arthur", Theater-Produktionen, die zu wesentlich niedrigeren Preisen auch an anderen Orten zu sehen sind, ein Konzert-Reigen mit großen Namen und wenigen Höhepunkten: Von der Rolle als Impulsgeber, als Aufbrecher der Konvention und Schrittmacher der Kunst ist Salzburg Anno 2004 Lichtjahre entfernt. Der "Rosenkavalier" samt Schicki-Schaulaufen, Live-Kameras und Blumen fürs weibliche Publikum war dafür typisch. Ein Event, nicht mehr.<BR><BR>Und mag er sich auch in eitler Provokations-Pose gefallen haben - so mancher träumt inzwischen vom einstigen Intendanten Gerard Mortier, als Inszenierungen und nicht Designer-Fummel Tagesgespräch waren. Als Fehlschläge fast immer von Diskussionswertem aufgewogen wurden. Als auch die Wiener Philharmoniker noch nicht als alleiniges Festspiel-Orchester regierten: Bis auf zwei Opern saßen diese Musiker heuer stets im Graben, spielten oft nur wenige Stunden zuvor ein Konzert auf der Bühne - und vergoldeten sich damit ihr Saison-Finale.<BR><BR>Dass für dieses Mammut-Programm viele Proben gestrichen werden mussten oder zeitlich weit entfernt von der Premiere angesetzt waren, dass viele Aufführungen nach lautstarker Edel-Routine klangen, dass dadurch selbst viel versprechenden Neulingen wie Dirigent Philippe Jordan nur Durchschnittliches gelang, ist der Preis für solch orchestrale Unersättlichkeit.<BR><BR>Jürgen Flimm steht nicht für den Aufbruch</P><P>Eine besondere Pointe, dass Salzburgs Entscheidungsträger nun auf Jürgen Flimm als Ruzicka-Nachfolger setzen. Der Mann ist sicher der größere Kommunikator, hat auch als dortiger Schauspiel-Chef in der Reihe "Young Directors Project" zum Teil Interessantes eingekauft; er steht aber nicht unbedingt für den Aufbruch, sondern - seine eigenen Inszenierungen zeigen es - für die flockig-bunte Verkleidung von Altbekanntem.<BR><BR>Und die größere Pointe: All diese Euro-verschlingenden Anstrengungen werden von nur einer einzigen Inszenierung weggewischt, die geschätzte 300 Kilometer entfernt herauskam. Schlingensief mag sich in Bayreuth nicht als unumstrittener Heilsbringer für den "Parsifal" erwiesen haben (auch wenn der Titelheld als Heiland durch den Kulissenmüll wandelte), doch zeigt diese Produktion, was möglich ist, wenn sich Festspiele als Initialzünder begreifen.<BR><BR>Der Streit des Regisseurs mit dem Prinzipal, die Hahnenkämpfe zwischen Schlingensief und Parsifal-Sänger Endrik Wottrich, die geifernde Mediendebatte, ob nun Schlingensief mit Katharina Wagner anbandelte, die ja eigentlich mit Wottrich liiert ist, das alles blieb letztlich Begleiterscheinung, überdeckte kaum das eigentliche Kunst-Ereignis. Und machte Bayreuth womöglich für Menschen interessant, die sich bislang von Wagner'schen Opern mit Grausen abwandten: Warum eigentlich nicht?<BR><BR>Nur zwei, ästhetisch wie konzeptionell himmelweit voneinander entfernte Neuproduktionen bleiben also von diesem Sommer im Gedächtnis haften. In Salzburg Willy Deckers versierte und spannende Deutung von Korngolds "Die tote Stadt" und eben Schlingensiefs "Parsifal"-Versuch. Wobei es schon überrascht und bedenklich stimmt, dass Decker, dem Opern-Experten, auch laue Routine vorgeworfen wurde - wer gekonnt erzählt und nicht durch Gags blendet, scheint für manch Sensationslüsternen schon nicht mehr interessant.<BR><BR>Den Vertrag mit Deckers Pendant, mit Regie-Bengel Schlingensief, mag Bayreuths Chef mittlerweile bereuen. Doch mit ihm setzt Wolfgang Wagner im Grunde die Reihe seiner Experimente à` la Götz Friedrich und Patrice Ché´reau fort. Und wirkt damit, kurz vor dem 85. Geburtstag, um einiges jünger als das in bräsiger Konvention ergraute Salzburg.<BR><BR> </P>

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