Einzigartiges verschwindet

- So weit ist es in dieser Saison (fast) noch nicht gekommen: dass sich Fachfremde hinters Regiepult klemmen und das Musiktheater ins Visier nehmen. Abgesehen von Bruno Jonas, der am Gärtnerplatz sich selbst im "Mann von La Mancha" inszenierte, vertraute München also weniger auf PR-trächtige Namen, sondern auf metiererfahrene Regisseure. Was nicht heißen soll, dass deren Taten reif für die Bühne waren - auch das hat die Spielzeit 2003/04 gezeigt.

<P>Die nun ablaufende Saison wartete mit einer ungewöhnlichen Premierenfülle auf. Sieben an der Staatsoper, drei sogar in der strapaziösen Festspielzeit. Dazu kamen sechs am Gärtnerplatz, davon eine im Rahmen der Musik-Biennale, wobei dieses Festival noch vier weitere Uraufführungen beisteuerte. Überdies gab es Sehenswertes außerhalb staatstheaterlichen Pomps in der Pasinger Fabrik oder im Theaterzelt Das Schloss: München also im Opernrausch, Kater inklusive.<BR>Auffallend war an beiden großen Häusern die Bandbreite. Am Max-Joseph-Platz deckte man mit Neuheiten einen Zeitraum von Gluck bis Britten ab, am Gärtnerplatz gar vom Münchner Barockmeister Giovanni Ferrandini bis zur Uraufführung (Johannes Maria Staud). <BR><BR>Medien-Taumel wegen Anna Netrebko</P><P>Völlig unterschiedlich dagegen die Saisonverläufe: Die Staatsoper legte mit Glucks "Orphée et Eurydice" in der Regie Nigel Lowerys einen Fehlstart hin, was das Musikteam um Ivor Bolton und Vesselina Kasarova nicht ausbügeln  konnte.  Danach ungetrübtes Opernglück: Donizettis "Roberto Devereux" in der Regie Christof Loys, mit Edita Gruberova als Elisabetta. Eine dreifache Ernüchterung folgte. David Alden lieferte mit Bergs "Lulu" eine weitere Arbeit, die sich nur bildmächtig plusterte. Andreas Homoki reduzierte Gounods "Romé´o et Juliette" aufs dünne Schülertheater, und Thomas Langhoffs krampfig moderne "Meistersinger von Nürnberg" blieben unterm Niveau aktueller Wagner-Deutung. Immerhin sorgte die Staatsoper für einen versöhnlichen Spielzeitausklang: Brittens "Rape of Lucretia" (Regie: Deborah Warner) und Debussys "Pellé´as et Mélisande" (Richard Jones).<BR><BR>Mitten in der Saison ereignete sich Merkwürdiges, ein Mini-Festival, das Medien, Schickis und echte Fans in Taumel versetzte: Anna Netrebko sang die "Traviata", bewies dabei, dass stimmliches Potenzial nicht immer mit blendender Ausstrahlung Schritt halten muss. Und dass David Aldens "Ring des Nibelungen" dem zweiten oder dritten Hinschauen nicht standhält, dass die Tickets für eine solche Wiederaufnahme nicht monatelang vorher vergriffen sind, ist ein Alarmzeichen: So schnell verbrauchen sich flockig aus dem Ärmel geschüttelte Szenen. <BR><BR>Über all das ist in Vergessenheit geraten, welch starken Start das Gärtnerplatztheater hinlegte. Zum Jubiläum "350 Jahre Oper in München" grub man im Cuvillié´stheater "Catone in Utica" von Giovanni Ferrandini aus, eine Inszenierung von Peer Boysen mit Christoph Hammer am Pult, die zum Besten zählt, was hier bislang unter dem Etikett Barock firmierte. Und auch Hans-Ulrich Beckers Deutung der "Leonore", der Urfassung des "Fidelio", ist ein wichtiger Meilenstein in der Rezeption von Beethovens einziger Oper. <BR><BR>Obwohl musikalisch ein Erlebnis, blieb Mozarts "Idomeneo" in Claudia Doderers Regie nur kühles Ausstattungs-Arrangement. Josef E. Köpplinger demonstrierte, dass man Kalmá´ns "Gräfin Mariza" unspektakulär, umso wirkungsvoller in Szene setzen kann. Eine Anstrengung mit zwiespältiger Wirkung: die Uraufführung von "Berenice", der Biennale-Oper von Johannes Maria Staud. Und Mitch Leighs "Mann von La Mancha" zehrte vom Nimbus des Hauptdarstellers Bruno Jonas, weniger von dessen Regie-Qualität.<BR><BR>Die Aufführung der Saison? Zweifellos Christof Loys "Roberto Devereux", zugleich ein Lehrbuch-Beispiel dafür, wie sich ungekünstelte Modernisierung mit intensiver Theatralik verbinden lässt. Dass die Produktion in der Saison 2004/05 wiederaufgenommen wird, ist tröstlich. Weniger, dass man auf "Rape of Lucretia" oder "Catone in Utica" verzichten muss. Einzigartiges verschwindet auf Nimmerwiedersehen, das ist ein altes Leiden der Münchner Opernszene. Die Liste, was stattdessen in den Orkus gehört, wäre lang . . .<BR><BR></P>

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