Im Eispalast der Liebe

- Kirsten Dunst, Gwyneth Paltrow, Orlando Bloom und Heath Ledger, um nur einige zu nennen - wie immer sind es am Lido vor Venedig vor allem US-Stars, die sich auf dem roten Teppich tummeln. Den meisten Applaus bekamen bisher allerdings zwei Europäer: Mit Ovationen feierte man Isabelle Huppert und ihren Regisseur Patrice Ché´reau. Mit "Gabrielle", der Adaption einer Joseph-Conrad-Novelle, wurde Ché´reau zu einem der Favoriten im Kampf um den Goldenen Löwen, der am Samstagabend verliehen wird. Er kehrt zum Genre des Kostümfilms zurück, in dem er zuletzt 1994 mit "Bartholomäusnacht" brillierte. Für Begeisterung sorgte die Kamera Eric Gautiers, die Ché´reaus Wechselspiel zwischen Farbe und Schwarz-Weiß unterstützt. Zu Beginn schießt die Farbe für Augenblicke ins Bild, wie die Leidenschaft ins müde Gemüt der Hauptfigur, eines Mannes, der nach Hause kommt und entdeckt, dass er von seiner Frau verlassen wurde. Ché´reau und Gautier erwecken alte Fotografien zum Leben, spielen auf der Klaviatur unserer Assoziationen. Unglaublich dicht erzählt "Gabrielle" ein Ehedrama aus der Belle Epoque. In einen großbürgerlichen Eispalast machen sich ein Mann und eine Frau über ein paar Tage das Leben zur Hölle. Venedig, schrieb Patricia Highsmith, kann sehr kalt sein. Die Liebe aber nicht minder.

Die Eiseskälte der Gesellschaft und ihrer Geschlechterverhältnisse, diesmal der zeitgenössischen, ist auch das Thema des neben Ché´reau bisher besten Wettbewerbsfilms: "Sympathy for Lady Vengeance" von dem Koreaner Park Chan-wook. Nach "Sympathy for Mr Vengeance" und "Old Boy" ist dies ein großer Abschluss von Parks Rachetrilogie - ohne dass sich der Regisseur auch nur ein Fingerbreit wiederholen würde. Eine junge Frau wird erpresst, einen Mord zu gestehen, den sie nicht beging, und will sich nach 13 Jahren rächen. Doch dann kann sie es nicht und findet einen anderen Weg. Ein pathetisch-ironisches Drama mit subtilen politischen und historischen Bezügen - Kino, das auch nach Tagen nicht an Kraft verliert.

Der dritte im Bunde der Favoriten ist "Vers le Sud", der neue Film von Laurent Cantet. Der Titel meint keinen konkreten Ort, in diesem Fall den Schauplatz Haiti, sondern die Idee des Südens, die das Kino wie die Literatur in Frankreich in letzter Zeit wieder stärker fasziniert: Strand, Hitze, das Exotische. Schon wenn sich die Schriftsteller des 19. Jahrhunderts auf Orientreise begaben, suchten sie im Schatten der Pyramiden auch dunkelhäutige Knaben und Frauen. Heute heißt das schlicht Sextourismus. Mit Moralismen ist man da schnell zur Hand, Cantet macht es sich schwerer.

Die Sextouristen sind nämlich Frauen, die sich in Haiti das holen, was sie daheim nicht bekommen. Es gibt keine unschuldigen Verhältnisse, Ausbeutung herrscht auch unter den Haitianern. Treffend zeigt Cantet den Machismo, der sogar unter Frauen verbreitet ist, die subtilen Hierarchien, die die Ordnung des Urlauberlebens bestimmen. Wir verändern uns, wenn wir hier sind, sagt eine der Frauen. Mit seinen einfachen, klaren Bildern, seinem Erzählen ohne große Mätzchen und einer gewohnt glänzenden Charlotte Rampling in der Hauptrolle katapultierte sich "Vers le Sud" in die Reihe der Favoriten eines Wettbewerbs der viele gute Filme zeigte, insgesamt aber bisher etwas zuwenig Überraschendes bot - zwei Tage ist dafür noch Zeit. Am Samstagabend wissen wir, wer das Rennen gemacht hat.

 ap

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