Ekel siegt über Eros

Frankfurt - Ekel siegt über Eros: Christian Gerhahers bestechender, alle Klischees unterlaufender Don Giovanni in Frankfurt. Die Premierenkritik:

Sie wäre laut Leporellos Zählung Nummer 2066. Jung, vor allem jungfräulich, kurz vor der Heirat, das macht erst recht Appetit. Und er funktioniert ja auch noch, der alte Trick mit dem „La ci darem la mano“. Aber Don Giovannis ausgestreckte Hand nach Zerlina verkrampft sich plötzlich. Ekel siegt über den Eros. Es ist vorbei für ihn, eigentlich schon lang. Nicht erst seit Giovanni im toten Komtur sein Ebenbild erblickte. Am Ende gibt es folglich keine Höllenfahrt: Lauter Alter Egos dieses „Helden“ erstechen sich im Degenkampf – bis der Verführer zusammenbricht. Der Tod kommt nicht als Spektakel, sondern schmucklos, als Herzversagen.

Von vielem muss man Abschied nehmen in dieser Premiere der Frankfurter Oper. Von allen Bildern, die man sonst mit dem Superhengst aus Sevilla assoziiert. Dieser Don Giovanni schreitet nicht, er schleicht über die Bühne. Keine Grandezza, dafür Welt- und Selbsthass. Was nur sinnvoll ist, wenn man für die Hauptpartie so ziemlich das Gegenteil aller infrage kommenden Baritone zur Verfügung hat. Rollendebütant Christian Gerhaher selbst hat ja ironisch seine Eignung hinterfragt. Doch gerade das Unterlaufen sämtlicher Klischees und Erwartungen macht diese Aufführung so groß. Und spielt mit einer Frage: Kann das eisige Feuer des abweisenden Don nicht mindestens genauso viel Erotik ausstrahlen wie ein Standbein-Spielbein-Beau?

Mit Regisseur Christof Loy, einem der hellsichtigsten, subtilsten Rollenbefragern, bei dem Sänger sehr viel zulassen können, ohne dass dies ausgenutzt würde, glückt Gerhaher eine verstörende, bestechende Charakterstudie. Seine Stimme hat er dafür ergrauen lassen. Ein Gesang, verhangen, abgedunkelt, wie unter einer dünnen Lage Spinnweben. Ab und zu, in der „Champagner-Arie“, auch im Rezitativgespräch mit Leporello, belfert es aus Gerhaher heraus. Giovannis Wut, man versteht, ist nur mühevoll unterdrückt. Das Ständchen im zweiten Akt beginnt Gerhaher so zärtlich, so fein nuanciert, wie man es wohl noch nie gehört hat, um dann das Stück in sich zusammenfallen zu lassen. Diesem Giovanni möchte man nicht im Dunkeln begegnen. Einmal schaut er aus dem Fenster, wünscht sich fort. Doch da ist keine Sonne mehr, nur kaltes Mondlicht.

Johannes Leiacker (Bühne) und Ursula Renzenbrink (Kostüme) arbeiten bewusst historisierend. Spanien im 16. Jahrhundert, eine Fernrückung als Verfremdung. Zum ersten Akkord der Ouvertüre fällt als Coup de Theâtre der rote Vorhang zu Boden. Der weißgraue, fast leere Einheitsraum eines Schlosses wird sichtbar. Männer mit bauschigen Ärmeln und Wams, weiß geschminkt, eine todgeweihte, auf sich selbst zurückgeworfene Gesellschaft. Nach der Pause versperrt eine Bretterwand mit Fenstern und Türen den Blick. Immer wieder tauchen die Figuren in für sie fremden Szenen auf, beobachten. Für die Begegnung Giovannis mit dem Komtur wird die Wand weggeräumt, der Kreis schließt sich im großen Salon. Nicht ganz klar wird, ob alles Imagination Giovannis ist. Loy hält das in der Schwebe. Man erlebt einen surrealen Albtraumfilm, ein soghaftes, spurenweise auch durchhängendes Spiel, das sich zu Auftritten und Abgängen bis ins Parkett ausweitet. Alles ist Ergebnis einer peniblen Choreographie, und dies, wie bei Loy üblich, bis in die kleinste Chorpartie.

Dass all dies im Graben nicht beantwortet wird, ist das Manko des Abends. Es gibt ein paar feine Klanglasuren, ein paar avancierte Streicher- und Holzbläsermomente. Doch worauf Dirigent Sebastian Weigle mit dem Frankfurter Museumsorchester hinaus will, wird nicht deutlich. Knallige Kesselpauken machen allein noch keine Alte Musik. Oft geht der Kontakt zur Bühne verloren. Ein paar Mal fasst Weigle, der ein gemütliches Brio pflegt, energisch nach, aber da ist es meist zu spät. In die Nähe von Gerhahers Niveau kommt eigentlich nur Grazia Doronzio (Zerlina). Juanita Lascarro (Donna Elvira) klingt wie ein überreizter, hochgetunter Cherubino. Brenda Rae (Donna Anna) singt zwar mit klug dosiertem Sopran, ihr Vibrato umflirrt allerdings die korrekte Tonhöhe. Eine Pointe, dass der exzellente, hell timbrierte Simon Bailey (Leporello) eigentlich die typischere Giovanni-Stimme hat. Martin Mitterrutzner lässt im „Dalla sua pace“ Zaubertöne aus dem Pianissimo-Reich aufsteigen, Altmeister Robert Lloyd ist als Komtur ein wackerer Resteverwalter seines einst schönen Basses.

Ein paar Extras gibt es auch noch, abgesehen vom Fehlalarm kurz vor Premierenende (siehe Kasten). Gespielt wird die zweite Fassung mit zwei überraschenden Strichen und Wendungen im Finale. Das zusätzliche Duett Leporello/Zerlina hat nur Archivwert – und beschert eine unangemessene Extra-Portion Buffoneskes. Gerade weil man doch Zeuge einer aufregenden Umwertung wird. Diese Giovanni-Studie brennt sich ein. Irgendwann, im Rückblick, nennt man solche Aufführungen wohl denkwürdig.

Markus Thiel

Nächste Vorstellungen

am 15., 17., 23., 25., 29. Mai; Telefon 069/ 21 24 94 94.

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