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Zwischen bürgerlichem Leben und Kampf: José Carreras als Juez/Richter Federico Ribas.

Festspiele

"El Juez": So war José Carreras im Tiroler Erl

Erl - Nach acht Jahren singt José Carreras wieder Oper: Hier lesen Sie die Kritik zur Uraufführung von Christian Kolonovits’ „El Juez“ in Erl in Tirol.

Acht Jahre lang hatte sich Tenorstar José Carreras (67) rar gemacht in den Opernhäusern der Welt und seine Tätigkeit weitestgehend auf das Konzertpodium verlagert. Das richtige Projekt war eben einfach nicht in Sicht, wie er verlauten ließ. Doch dies änderte sich offenbar schlagartig, als er von „El Juez“ („Der Richter“) erfuhr, jener Oper von Christian Kolonovits, die nach einem ersten kleinen Testlauf in Bilbao im Frühling nun ihre offizielle Uraufführung bei den Tiroler Festspielen in Erl erlebte. Mit großem Jubel für alle Beteiligten und Standing Ovations für den Bühnenheimkehrer José Carreras.

Das Werk selbst ist sowohl für den Komponisten wie auch für den Star des Abends eine Herzensangelegenheit und thematisiert ein dunkles Kapitel der jüngeren spanischen Vergangenheit, für das Regisseur Emilio Sagi und Bühnenbildner Daniel Bianco ohne falsches Pathos ebenso einfache wie einprägsame Bilder fanden. In den Tagen der Franco-Diktatur wurden politisch nicht linientreuen Eltern die Kinder entrissen und unter neuen Namen nach den Vorstellungen des Regimes erzogen. All das übrigens mit dem Wissen und Zutun der Kirche, die viele dieser „gestohlenen Kinder“ in ihre Obhut nahm. Bis heute werden in Spanien Prozesse geführt, mit DNA-Tests Angehörige gesucht und in den Medien erschütternde Geschichten aufgedeckt. Schicksale, die oft jenem von Protagonist Alberto Garcia ähneln, den Librettistin Angelika Messner ins Zentrum der Oper rückt.

Sabina Puértolas überzeugt als TV-Reporterin Paula

Ein junger regimekritischer Liedermacher, der in der sympathischen Darstellung von José Luis Sola zur Identifikationsfigur der Demonstranten und des Publikums wird. Der Spanier bringt dafür eine tragfähige, lyrisch grundierte Tenorstimme mit, die bestens mit dem metallisch glänzenden Sopran von Sabina Puértolas harmoniert. Sie kann als TV-Reporterin Paula in der zentralen weiblichen Partie der Oper überzeugen und verleiht  ihrer Figur markante Züge. Selbstverständlich braucht eine anständige Oper neben einem tragischen Liebespaar ebenfalls einen finsteren Bösewicht. Hier in Gestalt des Geheimdienstchefs Morales, den Carlo Colombara mit sonorem Bass als Nachfahren von Giacomo Puccinis Fiesling Scarpia gibt.

Wobei sich auch in der Partitur von Kolonovits mehr als nur einmal stilistische Anklänge an den großen Veristen finden. Der österreichische Komponist und musikalische Grenzgänger, der seit Jahren gleichermaßen erfolgreich im E- und U-Bereich arbeitet, bleibt bei seinem jüngsten Bühnenwerk weitgehend in tonalen Bahnen, die einen musikhistorisch eher an Erich Wolfgang Korngold als an Arnold Schönberg denken lassen und teils auch einem großen Hollywood-Streifen gut zu Gesicht stünden. Schlau mischt Kolonovits Altes mit Neuem und verwöhnt die Zuhörer mit großen melodischen Bögen, die auch Carreras-Neffe David Giménez am Dirigentenpult mit großer Freude auskostet, ohne darüber allerdings die Dramatik der Handlung aus den Augen zu verlieren.

Die vielschichtigste Figur auf der Bühne gehört dabei ganz klar dem Titel gebenden Richter Federico Ribas. Ein Mann zwischen den Fronten, der sich mit dem System arrangiert und dem Kloster, in dem er als vermeintliches Waisenkind aufwuchs, die Treue zu halten versucht – seine Augen im Laufe der Handlung aber immer weniger vor der Wahrheit verschließen kann. Die innere Zerrissenheit Federicos ist bei Carreras von Anfang an zu spüren. Glaubwürdig meistert er die Entwicklung der ihm auf den Leib komponierten Figur vom stillen Grübler zum aufbegehrenden Kämpfer.

Der Großteil der Kräfte zehrenden Spitzentöne gehört hierbei zwar den jüngeren Kollegen, doch für die großen Ausbrüche, wie zum Beispiel in der dramatischen Aussprache mit Ana Ibarras autoritärer Äbtissin, mobilisiert Carreras noch immer alle Reserven. Wurde „El Juez“ ursprünglich als seine letzte große Bühnenrolle angekündigt, scheint er zur Freude seiner Fans nun doch wieder Blut geleckt zu haben und lässt in Gesprächen die Zukunft offen. Bleibt nur zu hoffen, dass man auf das nächste richtige Projekt nicht wieder acht Jahre warten muss.

Weitere Vorstellungen

am 12. und 15. August; www.tiroler-festspiele.at oder 0043 (0)5373/ 81 000 20.

Von Tobias Hell

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