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Christoph Lieben-Seutter über fünf Jahre Elbphilharmonie: „Neues Gefühl: nicht ausverkauft“

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Von: Markus Thiel

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Christoph Lieben-Seutter
Ein Wiener im Hamburg: Christoph Lieben-Seutter ist Gründungsintendant der Elbphilharmonie. © Daniel Reinhardt/dpa

Empfänge und Partys wird es aus den bekannten Gründen nicht geben. Zum fünften Geburtstag der Elbphilharmonie müssen in der kommenden Woche Festkonzerte ausreichen. Christoph Lieben-Seutter dürfte sich seine Intendanz dort etwas anders vorgestellt haben. Doch trotz Ausbremsung durch Corona ist Hamburgs neues Wahrzeichen eine Erfolgsgeschichte. An den Skandal um die 866 Millionen Euro Kosten denkt so gut wie keiner mehr. Ein Gespräch über die Fünf-Jahres-Bilanz mit Seitenblick auf den Münchner Konzertmarkt.

Wann war seinerzeit der Punkt erreicht, an dem keiner mehr über die Kosten redete, sondern sich alle nur noch übers Gebäude freuten?

Das war eigentlich schon vor der Eröffnung, nämlich als man im November 2016 erstmals auf die Plaza durfte. Da wurde das Gebäude auch Journalisten aus der ganzen Welt präsentiert. Und damals ist eine riesige Welle der Begeisterung entstanden. Von dem Moment an haben die Kosten im Grunde keine Rolle mehr gespielt. Das eigentliche Eröffnungskonzert im Januar war fast ein Nachschlag.

Setzte dadurch auch ein allgemeines Umdenken ein à la „Kulturbauten dürfen gern teuer sein“?

Kulturbauten waren immer schon teuer. Vom Pantheon bis zum Louvre hat nie jemand gefragt, ob sich das rechnet. Sicher: Wir kommen vielleicht aus einer Phase in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in der Zweckmäßigkeit und auch Multifunktionalität im Vordergrund standen. Vor diesem Hintergrund ist eine Renaissance der außergewöhnlichen, inspirierenden, hochkarätigen Architektur festzustellen. Das ist kein Schaden, weil es den Inhalt aufwertet. Die Elbphilharmonie ist inzwischen ein weltweit wahrgenommenes Vorbild. Was hier gut funktioniert und was nicht, wird überall registriert.

Was ist in Ihrem Fall bedeutender für breite Bevölkerungskreise: Architektur oder Akustik?

Sicher die Architektur. Oder nennen wir es Gesamterlebnis. Das Tolle an der Elbphilharmonie ist ja nicht nur der architektonische Entwurf, sondern das Erlebnis, wenn man sich ihr nähert. Die Lage am Wasser, das Betreten des Gebäudes durch mehrere architektonische Welten, die Plaza, die einmalige Foyer-Landschaft, bis man im Allerheiligsten des Saales anlangt. Die Akustik bedeutet da nur ein Element von vielen. Außerdem: Viele Säle sind sehr erfolgreich und haben keine optimale Akustik. Man denke nur an London oder München, zwei der wichtigsten Musikstädte weltweit.

Fühlten Sie sich ungerecht behandelt in der Anfangszeit, als mancher über die Akustik mäkelte?

Wir hatten schon Millionen von begeisterten Besuchern und Tausende von glücklichen Künstlern. Dass da ein paar andere Stimmen aufkommen, ist zu verkraften. Ich bekomme inzwischen die Rückmeldung auch von Top-Dirigenten, dass die Akustik wärmer geworden und der Klang leichter zu balancieren sei. Insofern ist genau das eingetreten, was unser Akustiker Yasuhisa Toyota von Anfang an prophezeit hat: Es braucht eine Zeit, bis ein Saal eingespielt wird.

Während der Eröffnungstage meinten Sie, auch mit singenden Putzfrauen bekomme man den Saal voll. Hat sich das – bis zu Corona – bewahrheitet?

Ja, bis zu Corona war es immer voll, wobei anfangs die Nachfrage so irre war, dass billigste Tickets auf dem Schwarzmarkt für tausend Euro angeboten wurden. Das hat sich sukzessive beruhigt, auch wenn immer noch so gut wie jedes Konzert ausverkauft war. Erst seitdem Omikron unterwegs ist, passiert es, dass ein Konzert mal nicht voll ist. Ein neues Gefühl. Nachfrage ist für mich aber nicht das entscheidende Kriterium. Was sich gezeigt hat: Wir haben uns ein Stammpublikum aufgebaut. Kaum durften wir wieder spielen, kam das Publikum zurück – und zwar ohne Abos und ohne Touristen in der Stadt.

Zum Thema Konzert-Programmierung meinte Nikolaus Harnoncourt immer, die klassische Abfolge Ouvertüre, Solistenkonzert, Symphonie sei doch längst tot.

Das muss nicht sein, wenn es gut programmiert ist. Bedenklich ist, dass solche Konzerte oft nur über den Namen eines Star-Solisten verkauft werden, der dann vor einer Bruckner- oder Mahler-Symphonie 20 Minuten Mendelssohn spielt. Das versuchen wir durchaus zu vermeiden und mehr Wert auf die Programme zu legen. Tatsächlich gibt es in der Elbphilharmonie viele abendfüllende Werke und Orchesterkonzerte ohne Solisten.

Weil bei Ihnen der Saal der Star ist.

Der Saal ist vor diesem Hintergrund tatsächlich ein Traum. Er macht fast jedes Konzert zu einem besonderen Ereignis. Das Publikum ist in der Elbphilharmonie wirklich bereiter, sich auf Unbekanntes einzulassen. Außerdem gibt es ein Potenzial von Konzertgängern, das sich gerade nicht auf die althergebrachten Strukturen einlassen will.

Und dann kam Corona. Wann hatten Sie Frust und Fatalismus überwunden und begriffen die Phase auch als Chance?

Frust und Fatalismus hatten sich erst bei der vierten Welle eingestellt. Davor war’s eine Herausforderung, weil man täglich eine Situation neu managen musste – vom Entwickeln der Video-Formate bis zur Installierung eines Impfzentrums.

Wie sehr fühlen Sie sich von der Politik im Stich gelassen?

Von der Hamburger Seite im Prinzip gar nicht. Was mich frustriert hat: dass man nach eineinhalb Jahren Pandemie wirklich hätte besser vorbereitet sein müssen auf diesen Winter. Man hätte die Impfzentren offen halten und die Booster-Impfung rechtzeitig vorbereiten können. Alles das also, was die Wissenschaftler tagtäglich erzählt haben, wurde nicht ausreichend von der Politik umgesetzt. Das war vielleicht dem Wahlkampf geschuldet. Im Großen und Ganzen sind wir trotzdem ein gut gemanagtes Land. Auch wenn, keine Frage, viele Künstler sehr unter der Pandemie leiden.

Sagen Sie eigentlich Elbphilharmonie oder Elphi?

Elbphilharmonie. Anfangs fand ich diese Verharmlosung ein bisschen despektierlich, aber ich habe mich daran gewöhnt.

Sind Sie als Wiener zum Hamburger geworden?

Obwohl ich bestätigen kann, dass es sich um zwei völlig verschiedene Mentalitäten handelt, habe ich mich mit meiner Familie vom ersten Tag an wohlgefühlt. Auch manche norddeutsche Vokabel habe ich mittlerweile aufgenommen in meine Sprache. Aber ansonsten verändert man sich mit Mitte 50 nicht mehr so stark.

Ein Blick auf München: Mitte der 2030er-Jahre wird die Stadt mit saniertem Gasteig, neuem Konzerthaus, Isarphilharmonie, Herkulessaal und Prinzregententheater über 8000 Klassikplätze pro Abend verfügen. Sagen Sie sich: Die spinnen? Die laufen sehenden Auges in eine Überkapazität hinein?

Ich würde nicht sagen, die spinnen. München ist eine der wichtigsten Kulturstädte dieser Welt. Und es gibt ein großes Potenzial. Die Gefahr ist, dass Institutionen zu behäbig werden. Man muss sich dauernd hinterfragen: Machen wir es richtig? Wie sprechen wir das Publikum von morgen an? Für eine Stadt mit gut 1,5 Millionen Einwohnern ist das sicher eine große Kapazität. Wien und Hamburg verfügen über jeweils rund 5000 Plätze. Wenn auch der Tourismus mitspielt, kann sich das für München ausgehen. Es wird aber kein Selbstläufer.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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