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Auch Konzertsäle müssen reifen - wie Rotwein.

Hamburger Elbphilharmonie

Reifeprüfung für den neuen Konzertsaal

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Hamburg - Die Elbphilharmonie ist eröffnet, doch der Belastungstest für den neuen Hamburger Konzertsaal kommt erst noch.

Ein Moment des Schreckens. Sollte etwa der Dirigent erkrankt sein und hier, lächelnd, blondierte Föhnfrisur, rotes Brillengestell, der Ersatz in die Kameras winken? Falscher Alarm: Justus Frantz ist nur Gast. Und lange hält es ihn nicht auf der Plaza, wo sich die Fotografen zum Promi-Schießen postiert haben. Hier nämlich offenbart die Elbphilharmonie ihre einzige Achillesferse – es ist saukalt. Der Wind pfeift durch die halb geöffneten großen Glaslamellen, auch die anderen wie Armin Mueller-Stahl, Anne Will und Günter Netzer beeilen sich, einen Stock höher in die Wärme zu kommen.

Ein durch und durch hanseatischer Abend 

Trotz „Schietwetter“ beobachten Schaulustige die Lichtshow zur Eröffnung.

Roter Teppich? Gibt es nicht. Klunkerglimmern? Auch nicht. Es geht sehr hanseatisch zu an diesem Eröffnungsabend, an dem sich Hamburg als Mittelpunkt (nicht nur) der Kulturwelt fühlen darf. Und das passt ja auch zu einem Gebäude, das einen nicht mit seiner Wirkung überfällt, sondern lässige Selbstgewissheit ausstrahlt. Stunden später, da hat der letzte Gast nach dem Empfang längst den Bau über die 80-Meter-Rolltreppe verlassen und die Polizei ihre Einsatzfahrzeuge abgezogen, ist der Rausch vorbei. Die Phase des Abwägens, Analysierens beginnt und auch des Mäkelns. Es gibt Artikel, auch internationale, die sich überschlagen in ihrer Begeisterung, und es gibt die überregionale „Welt“, die beleidigt stänkert. Wie ist also die Akustik?

Die Elbphilharmonie ist nicht der beste Saal der Welt

Hamburg muss nun sehr stark sein: Die Elbphilharmonie ist nicht der beste Saal der Welt geworden, auch nicht der zweit- oder drittbeste. Aber das macht gar nichts. Konzerthäuser können und müssen reifen wie ein Rotwein oder eine Stradivari. Yasuhisa Toyota, Akustiker aus Japan und in Hamburg aktiv, hat das selbst erlebt. Sein Gesellenstück, die 1986 eröffnete Suntory Hall in Tokio, war schon immer gut, mauserte sich aber erst mit den Jahren zum Wunderraum. Keine üble Prognose also für die Hansestadt. Und: Manche Plätze sollte man meiden. Vor allem hinter und neben dem Podium gibt es Problemzonen. Auch das kennt man, nicht zuletzt von 1A-Sälen wie Berlin.

Auch das Publikum muss umlernen

Dirigent Thomas Hengelbrock

Am überlangen Eröffnungsabend, der mit einer halben Stunde Verspätung beginnt, weil Angela Merkel im Schneesturm steckte, lässt sich sehr viel heraushören. Weniger aus den Reden, da kontrastieren die großväterlichen Witzeleien von Bundespräsident Joachim Gauck zur staatsmännischen Pose des Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz. Aber die vielen Werke geben verblüffend Auskunft über die Akustik. Dirigent Thomas Hengelbrock lässt mit seinem NDR Elbphilharmonie Orchester Stücke aus verschiedenen Epochen ineinandergleiten. Benjamin Brittens „Pan“, ein Oboen-Solo im Rang, geht pausenlos über in ein Opus von Henri Dutilleux. Das Ensemble Praetorius singt eine Motette seines Namensgebers, Countertenor Philippe Jaroussky schickt aus einem oberen Block seine Engelsstimme mit Barockem in den steilen Saal. Und unten darf es mit Rolf Liebermanns „Furioso“, Olivier Messiaens Finale aus der „Turangalia“-Symphonie und Bernd Alois Zimmermann richtig krachen. Letzteres Opus, „Photoptosis“, ist der härteste Test. Und siehe da: Alles verträgt dieser Saal. Er lässt selbst dem wildesten Getümmel genügend Luft – und kümmert sich geradezu liebevoll um kleine, zerbrechliche Momente. So gut wird der Klang transportiert, dass das Publikum umlernen muss. Als immer mehr Huster Laut geben, ist auch das sehr gut zu vernehmen.

Raus aus der Brahms-Beethoven-Komfortzone

Mit nicht nur diesem Programm spielt die Elbphilharmonie ihre beste Karte aus. Da alle Welt hinein will, kann man ihr alles unterjubeln. Noch nie war die Moderne so gefragt wie in diesen Hamburger Eröffnungsmonaten. Tausende müssen ihre Brahms-Beethoven-Komfortzone verlassen. Der Saal öffnet die Ohren für Ungewohntes. Angela Merkel blättert am Premierenabend bei den Werken des 20. Jahrhunderts im Programmheft, um beim letzten Stück mitzuwippen: Das Finale aus Beethovens Neunter, im Anschluss an Wagners „Parsifal“-Vorspiel und neuen, melancholietrunkenen Orchesterliedern von Wolfgang Rihm postiert, ist das Leckerli nach den Hör-Mühen – zumal Hengelbrock mit seinem Orchester, BR- und NDR-Chor dem Affen ordentlich Zucker gibt.

Die neue Heimat verzeiht nichts

Knifflig wird das für das Residenz-Ensemble, die neue Heimat verzeiht nichts. Jede Unsicherheit, jeder kleckernde Einsatz sind zu hören. Das Orchester muss am Saal wachsen. Auch ist viel mehr an Feinarbeit möglich, als Hengelbrocks pauschale Dramatik glauben macht. Schon heute Abend könnte ein anderer Eindruck möglich sein, bei der Uraufführung von Jörg Widmanns Oratorium „Arche“ mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg unter Kent Nagano oder morgen beim Konzert des schnittigen Chicago Symphony Orchestra.

Wird Hamburg eine echte Musikstadt?

Mit einer illustren Gästeliste protzt ja die erste Saison, was die entscheidende Frage aufwirft: Lässt sich Hamburg, nicht gerade als überhitzte Musikstadt wie Wien oder München bekannt, umkrempeln? Oder vergeht der Boom wieder? Ersteres ist die wahrscheinlichere Variante, auch die Dresdner Semperoper hat ja als Gebäude einen übergroßen Eigenwert. Da ist es fast egal, ob „Hänsel und Gretel“ oder „Tannhäuser“ gespielt werden. Spannende Jahre werden das also in Hamburg. Der Bau mag endlich fertig sein. Doch der eigentliche Belastungstest kommt noch.

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