Mit Eleganz und Folklore

- Die österreichisch-ungarische Operette erwies sich im Unterschied zu Offenbach immer schon resistent gegenüber modernisierenden oder psychologisierenden Regiekonzepten (mit Ausnahmen: bei "Fledermaus" oder "Lustiger Witwe"). Also braucht auch die Grundlinie des Budapester Operettentheaters nicht angetastet zu werden. Neuerlicher Beweis: Emmerich Kálmáns "Gräfin Mariza" im Deutschen Theater München.

<P> Es dauert halt ein wenig, bis Miklós Gábor Kerényis Regie in Schwung kommt; im ersten Akt, in dem schon die meisten Kálmán-Evergreens ausgebreitet werden, bleibt allzu viel Konvention hängen, und auch die Darsteller haben sich noch nicht freigespielt. Später gibt es dann doch überraschende Einfälle, besonders bei der Verbindung einzelner Szenen. Nur mit dem Chor weiß Kerényi nichts anzufangen.</P><P></P><P>Klar, dass die Titelrolle mit dem Star dieses Theaters besetzt ist: mit Zsuzsa Kalocsai, einer Operetten-Diva wie sie im Buch steht. Zoltán Nyári, der Tenor, macht sich an ihrer Seite sehr gut. Stimmlich ist sie ihm überlegen: ausgeglichener, nuancierter. Nyári neigt dazu, auch Kálmáns Lyrismen zu schmettern. Ein gelenkiges Buffopaar, ohne alle Übertreibungen: Szilvi Szendy und Zoltán Kiss. Gut bei Stimme waren auch in dieser Abendbesetzung Tamás Földes als Populescu und Maria Rikker als im Original nicht vorgesehene "Zigeunerin" Manja. Dass die Dialoge in flüssigem Deutsch zu hören sind, braucht man bei diesem Ensemble gar nicht zu betonen, auch nicht, dass ihre Pointen - aus dem Libretto von Julius Brammer und Alfred Grünwald - im Zeitalter der Comedy manchmal harmlos wirken.</P><P>Jenö Löcsei erfand eine hübsche Revue-Choreographie, musikalisch im Stil der Entstehungszeit (1924) ergänzt, Agnes Gyarmathy Kostüme zwischen Eleganz und Folklore und entsprechende Bühnenbilder (mit einer etwas befremdlichen Hochgebirgskulisse im ersten Akt). Am Pult steht Lászlo Makláry und treibt das Orchester, vielleicht um den Effekt zu unterstreichen, zur Eile an; dabei geht einiges von Kálmáns Feinheiten verloren: von der Instrumentation, von der Harmonik. Da hätte er lieber an der oft übertriebenen Belcanto-Phrasierung sparen können. Und auf die versprochene und vom Komponisten vorgesehene Zigeuner-Kapelle mussten wir auch verzichten. Wie dem auch sei, der Premieren-Beifall war stark und musste überzeugen.</P>

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